Die Weihnachtstage verbrachte Alfred Gíslason (65) mit seiner Lebensgefährtin in den Bergen Österreichs. Den Jahreswechsel erlebt der Handball-Bundestrainer auf seinem Hof vor den Toren Magdeburgs.

Es sind die letzten freien Tage, ehe es im Januar turbulent wird. Am 14. Januar beginnt die Handball-Weltmeisterschaft in Dänemark, Kroatien und Norwegen.

Gíslason zieht seine Truppe bereits am 3. Januar in Hamburg für den letzten Feinschliff zusammen. Der 65-Jährige, der im vergangenen August mit dem DHB-Team bei den Olympischen Spielen in Frankreich überraschend Silber gewann, träumt vom großen Wurf.

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Quelle: DYN

BILD am Sonntag: Sie sind seit 2020 Bundestrainer, feiern jetzt aber erst eine Premiere. Sie können erstmals aus dem Vollen schöpfen, habe keine Verletzten zu beklagen, konnten den besten Kader nominieren.

Alfred Gíslason (65):[–> Es gibt den einen oder anderen Spieler, der aus einer Verletzung kommt und noch nicht bei 100 Prozent ist, wie Julian Köster oder Sebastian Heymann. Auch Christoph Steinert war nach seinem Handbruch noch nicht wieder im Einsatz. Aber auch bei ihm sieht es auch ganz gut aus. Juri Knorr hat seine Daumen-Fraktur überstanden, ist jetzt wieder in guter Form. Aber ja, es stimmt, es ist in meiner Amtszeit das erste Mal, dass wir keine Ausfälle haben. Wir haben alle an Bord, die wir nominieren wollten. Ich drücke die Daumen, dass es so bleibt.

Platz vier bei der Heim-EM vor einem Jahr, Platz zwei bei Olympia. Müssen Sie jetzt nicht Erster werden?

(lacht) Nein. Es gibt ein Trio an der Spitze. Dänemark ist den anderen Nationen voraus, auch ohne Niklas Landin und Mikkel Hansen (das Duo trat nach Olympia zurück; d.Red.). Die Dänen sind der ganz klare Favorit. Die Franzosen müssen zwar auf den verletzten Dika Mem verzichten, ich sehe sie aber ebenso wieder vorn dabei wie die Schweden. Dahinter kommen vier, fünf, sechs Nationen, die dieses Trio ärgern können. Zu denen gehören auch wir.

Wer noch?

Da sind die Kroaten, die Isländer, die Norweger und vielleicht auch die Ägypter. Ich sehe die Kroaten als einen der großen Favoriten. Die Mannschaft hat viel Erfahrung und ist etwas älter als unsere.

Wann ist die WM denn für Sie ein Erfolg?

Schwer zu sagen … Es hängt von vielen Faktoren ab. Wir haben das Halbfinale jetzt zweimal in Folge erreicht und wollen dort auch wieder hin. Die Jungs haben viel Selbstvertrauen getankt. Wir wissen aber auch, wie wenig bei den letzten Turnieren gefehlt hat, dass es in die andere Richtung kippt. Deswegen sage ich: Erst mal Polen schlagen und dann schauen, was kommt. Es ist ein Phänomen der deutschen Medien, immer von hinten zu rechnen und zu fragen, wo man hinwill. Erst einmal muss man die Aufgaben vorher erledigen.

Okay, dann andersherum: Mit welcher Erwartungshaltung gehen Sie in das Turnier?

Unser erstes Ziel muss es sein, unsere Gruppe zu gewinnen und dann schauen, was möglich ist. Klar wollen wir wieder ins Halbfinale kommen, das wünschen wir uns. Die Olympische Spiele haben meinen Spielern gezeigt, dass sie auch die sogenannten Großen schlagen können. Das gibt weiteres Selbstvertrauen. Diese Leistungen müssen aber auch immer wieder bestätigt werden.

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Quelle: DYN

Deutschland trifft in der Gruppenphase im dänischen Herning auf Polen, die Schweiz und Tschechien. Wie bewerten Sie Ihre Gruppe?

Ich sehe uns als stärkste Mannschaft, ohne Frage. Aber insgesamt ist es so, dass jeder hier jeden schlagen kann. Trotzdem wollen wir Gruppensieger werden. Dafür brauchen wir unbedingt eine gute Abwehr mit guter Torwart-Leistung.

Apropos: Torwart Andreas Wolff kehrte im Sommer aus Polen nach Kiel zurück. Wie erleben Sie ihn in der Bundesliga?

Andi spielt bisher eine sehr gute Saison beim THW Kiel, ist ein starker Rückhalt für die Mannschaft. Zuletzt in Leipzig (32:28; d.Red.) hat er nach seiner Einwechslung mit einigen Paraden den Sieg fast allein gesichert. Andi spielt eine starke Saison, ebenso wie David Späth bei den Rhein-Neckar Löwen und Joel Birlehm in Hannover.

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Foto: picture alliance / Marco Wolf

In Hannover dreht der U21-Weltmeister Renars Uscins, der schon bei Olympia beeindruckte, weiterhin auf. Überrascht Sie das?

Nein, überhaupt nicht. Renars spielt jetzt seine zweite Saison in Folge sehr gut und bekommt noch mehr Spielanteile in Burgdorf. Oder noch weniger Pausen … (lacht) Er hat in Hannover eine absolute Stammplatzgarantie. Das tut ihm sehr gut. Renars hat, und das mag viele vielleicht überraschen, gerade in den wichtigen Spielen sehr, sehr gut gespielt.

… und das mit gerade einmal 22 Jahren.

Renars tritt so auf, wie er auch bei uns spielt. Er ist ein bodenständiger Typ, so wie ich ihn erlebe. Seine ganze Entwicklung ist stark. Ich hoffe, dass er sie beibehält. Er ist zwei, drei Jahre kontinuierlich besser geworden und noch nicht am Ende.

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Foto: SAMEER AL-DOUMY/AFP

Gilt das auch für den zweiten U21-Weltmeister aus Hannover, Justus Fischer?

Ja. Er ist der erste Mann am Kreis und bekommt viel Spielpraxis. Justus ist zudem ein sehr kompletter Spieler, was Abwehr und Angriff angeht. Er war jetzt sogar dreimal Spieler des Monats in der Bundesliga. Auch er hat eine tolle Entwicklung genommen.

Hat Fischer schon das Niveau von Kapitän Johannes Golla?

Golli ist einer der besten Spieler der Welt. Es ist schwer sie zu vergleichen. Aber beide haben eine Riesen-Qualität.

Alfred Gíslason mit seinem Kapitän Johannes Golla

Alfred Gíslason mit seinem Kapitän, Weltklasse-Kreisläufer Johannes Golla

Foto: Tom Weller/dpa

Gollas Wechsel von Flensburg nach Melsungen im Sommer 2026 ist jetzt offiziell. Was halten Sie davon?

Er geht von einer Spitzen-Mannschaft zu einer anderen, die jetzt auch endlich mal wie eine Spitzen-Mannschaft spielt. Golli kam ja aus Melsungen, von dort ist es nicht so weit weg zu seiner Heimat bei Frankfurt. Deshalb kann man den Wechsel aus familiären und sportlichen Gründen verstehen. Ich wünsche ihm alles Gute. Golli ist ein unheimlich guter Charakter.

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Der WM-Kader ist nahezu identisch mit dem Olympia-Team. Neu ist Rechtsaußen Timo Kastening, der wieder zurückkehrt. Warum haben Sie sich für ihn entschieden?

Timo hatte eine Saison mit Aufs und Abs. Gerade am Ende hat er aber sehr stabil gespielt in Melsungen und war in unseren Augen konstanter als Patrick Groetzki (Rhein-Neckar-Löwen; d.Red.).

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Quelle: SRF

Die Mannschaft trifft sich am 3. Januar in Hamburg. Ihnen bleibt wenig Zeit zur Vorbereitung.

Wir werden unsere taktischen Abläufe immer wieder durchgehen. Unsere Mannschaft kennt sich ja sehr gut, ist gewachsen.

Was werden Sie konkret umsetzen wollen?

Klar ist, dass Johannes Golla mehr Pausen kriegen muss, dass wir also einen anderen Innenblock brauchen. Unser Innenblock mit Köster und Golla steht sehr, sehr gut. Wir müssen aber Sebastian Heymann, Justus Fischer und auch Marko Grgic dort besser integrieren. Das wird eine Aufgabe sein.

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Foto: BILD

Apropos Aufgabe: Ihre als Bundestrainer endet nach der WM 2027 in Deutschland. Machen Sie dann Schluss?

Ich habe schon mal versucht, ein Jahr ohne Handball auszukommen. Das werde ich nie wieder machen. Ich mache weiter. Ich sitze auch bei der EM in Deutschland 2032 auf der Bank. Die Frage ist nur auf welcher … (lacht)

Vielleicht sogar bei Deutschland?

Es hängt immer vom Erfolg ab. Ich werde aber so lange als Trainer weitermachen, bis mich niemand mehr haben will … (lacht)

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Quelle: BILD/Instagram

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