Von Stefan Kretzschmar
Der Tag unseres Triumphs war brutal. Ich habe versucht, irgendwie eine Routine aufrechtzuerhalten: aufstehen, ein paar Nachrichten beantworten, sich ein bisschen ablenken. Normalerweise ist es an Spieltagen ein Ritual, den ersten Kaffee aus meiner Füchse-Tasse zu trinken. Die hatte ich vor dem Saisonfinale bei den Rhein-Neckar Löwen aber nicht dabei. Meine Frau Dorle hat mir ein Foto geschickt, wie sie die Füchse-Tasse benutzt hat, da haben wir das Glück verteilt.
Dann bin ich relativ früh zur Mannschaft zum Mittagessen gefahren. Da hab‘ ich gemerkt, wie groß die Anspannung bei den Jungs war. Die meisten versuchten, ihre Nervosität mit Humor zu überspielen. Die Stunden bis zum Spiel wollten nicht vergehen. Als das Spiel losging, habe ich noch gesessen. In der zweiten Halbzeit nur noch gestanden.
Gerade noch gerettet: Pikanter Versprecher von Handball-Kommentator
Ja, es gab sicherlich ein paar Minuten, in denen ich dachte: Oh Gott, das könnte heute nicht reichen. Aber da muss ich ehrlich sagen, dass ich von Mathias Gidsel gelernt habe, dass man sich mit negativen Gedanken nicht beschäftigen darf. Du musst einfach versuchen, das Momentum ins Positive zu ziehen. Wir sind 2025 in der Bundesliga ungeschlagen. Aus diesem Selbstverständnis heraus haben wir eine gewisse Selbstsicherheit entwickelt, die uns über schlechte Phasen hinweghilft.
In der 50. Minute kam Uwe Schwenker (Präsident der Daikin Handball-Bundesliga; d. Red.) das erste Mal zu mir und sagte: „Kretzsche, mach dir keine Sorgen. Das schafft ihr!“ Da habe ich ihn nur angeguckt: „Uwe, hör auf! Wir führen nur mit zwei Toren.“
Kretzschmar: Darum weinte ich nach dem Titelgewinn
In meinem Kopf schwirrten immer noch Szenarien, was alles passieren kann. Der Druck fiel erst ab der 58. Minute ab. Das war der Moment, wo ich meine Freude zugelassen habe.
Ich habe schon vor dem Spiel das erste Mal geweint, als mir meine Tochter Lucie eine selbst gebastelte Meisterschale überreicht hatte. Als der Schlusspfiff kam, habe ich geweint wie ein kleines Kind. Unser Präsident Frank Steffel kam als Erster. Da gab es zwischen zwei kleinen, weinenden Jungs eine innige Umarmung. Wir wollten uns gar nicht mehr loslassen in dem Moment. Und dann bin ich zur Mannschaft, gucke auf einmal nach rechts, und Lucie steht da. Das war natürlich extrem emotional, das mit meiner Tochter zu teilen.
Mit der Mannschaft habe ich nur in der Kabine in Mannheim gefeiert. Und das auch trocken – bis Mathias Gidsel und Max Darj mich in die Dusche gezerrt haben und dort dann den Freudentanz aufführten, der zum Regentanz mutierte, weil alle Duschen an waren. On top gab es für mich eine Bierdusche von Fabian Wiede und anderen Spielern. Ab da war es trocken. Also: alkoholfrei.
Ich bin sechs Stunden mit dem Auto allein nach Hause nach Wandlitz bei Berlin gefahren, habe mir Zeit genommen, um das alles zu verarbeiten. Ich habe während der Fahrt tatsächlich noch mal das Spiel angeschaut, besser angehört. Aber erst ab der zweiten Halbzeit – so viel Sadomasochismus brauchte ich nach dem 17:20 zur Pause dann doch nicht. Diese einsame Autofahrt tat gut, um über vieles nachzudenken, was schon lange zurücklag.
Als Bob Hanning vor 20 Jahren als Geschäftsführer bei den Füchsen angetreten ist, hätte ich es nie für möglich gehalten, dass man so einen zerstrittenen Haufen wie den Handballverband Berlin hinter der Idee Füchse Berlin vereinigt kriegt. Da hatten die unterschiedlichsten Vereine ihre eigenen Interessen. Das hinzubekommen war ein absolutes Meisterwerk von Bob.

Auf Füchse-Trainer Jaron Siewert (31,l.) hält Kretzschmar große Stücke
Als er mich 2019 erstmals fragte, ob ich nicht Sportvorstand werden wolle, hielt ich das für einen Aprilscherz im Juni. Wir hatten zuvor nicht das allerbeste Verhältnis und waren auch öffentlich immer wieder sehr kritisch miteinander umgegangen. Aber was Bob halt wirklich gut kann, wenn er es wirklich ernst meint: im persönlichen Gespräch überzeugen. Das gelang ihm dann bei einem Essen am Berliner Gendarmenmarkt – im Beisein von Dorle. Und dafür bin ich ihm sehr dankbar.
Gidsel-Deal macht Kretzschmar in einer Pizzeria klar
Nach einem Jahr bei den Füchsen lag es dann an mir, große Überzeugungsarbeit zu leisten: bei Mathias Gidsel. Der war bei der WM in Ägypten gerade als 20-Jähriger ins Allstar-Team gewählt worden und in den Fokus der Handballwelt gerückt. Viele meiner Kollegen in Deutschland waren skeptisch. Sie meinten, mit diesem schmächtigen Körper werde er sich nicht in der Bundesliga durchsetzen. Doch sein dänischer Landsmann Lasse Andersson, der bereits seit einem Jahr bei uns spielte, bestärkte mich und meinte, dass ich ihn holen MUSS!
Also war ich der Erste, der ihn ansprach. Es folgten ein Haufen Telefonate und ein Besuch von ihm in Berlin. Das vermeintlich entscheidende Gespräch fand in der Pizzeria „I Due Forni“ an der Schönhauser Allee statt. Ich habe ihm die Vision Füchse Berlin erklärt, was wir vorhaben – und was es bedeuten würde, mit uns Meister zu werden. Zum ersten Mal in der Geschichte. Nach diesem Gespräch auf emotional sehr hohem Niveau gab mir Gidsel die mündliche Zusage.
Und dann kamen die Olympischen Spiele in Tokio. Gidsel machte eine Weltklasse-Partie nach der anderen und wurde zum MVP gewählt. Ich glaube, ich habe jede Nacht nur drei, vier Stunden geschlafen. Habe ihm nach Tokio jede Nacht eine WhatsApp geschrieben. Ich hatte Riesenangst, dass ihn jetzt alle haben wollen, und dachte: Ach du Scheiße, das Ding geht noch schief.
Irgendwann habe ich ihm gesagt: „Du, pass mal auf, ich schicke dir den Vertrag jetzt rüber, du unterschreibst den in irgendeinem Hotel, und dann ist gut.“
Seine Antwort: „Also, so machen wir das nicht. Wenn wir eine Unterschrift machen, dann machen wir das schon ordentlich. Und nicht in so einem abgehalfterten Hotel. Mach dir keine Sorgen. Du hast ja die Zusage.“
Nach den Olympischen Spielen kam er nach Berlin – nach dem Motto: Beruhige dich doch, ich bin jetzt da. Da saßen wir also im Konferenzraum des Füchse-Büros am Gendarmenmarkt: Mathias, sein Berater, Bob und ich. Der Vertrag lag auf dem Tisch, das Handy des Beraters hing unten an der Steckdose auf dem Boden. Während die Verträge unterschrieben wurden, rief alles aus der Handballwelt bei ihm an, was Rang und Namen hat. Und obwohl es nicht mehr nötig war, habe ich mich vor das Handy gestellt, damit er die Anrufe nicht sieht, und habe gesagt: „Kumpel, lass es uns jetzt bitte hinter uns bringen.“
Mathias hatte sein Wort gegeben, und damit war das für ihn auch klar.
Was Michael Jordan für den Basketball war, ist Mathias Gidsel für den Handball. Ich bombardiere ihn auch regelmäßig mit Jordan-Zitaten, die er von mir ungefragt zugeschickt bekommt. Er erinnert mich unfassbar an Michael. Wie jemand in einen Klub kam und die Kultur, die Mentalität änderte, alle mitgenommen hat; und auf dem Weg die Popularität dieses Klubs änderte.
Und obwohl er der Star ist, ist diese Mannschaft weit mehr als nur Gidsel. Sie hat Charakter und Charakterspieler, die den Unterschied machen. Lasse Andersson, Dejan Milosavljev, Mijajlo Marsenic, Max Darj, Fabian Wiede sind die Anführer, die uns gemeinsam mit Gidsel zum Titel getragen haben. Dazu die jungen Spieler aus der eigenen Akademie, die sich immer weiter und weiter entwickeln. Ihnen sind auf dem Weg nach oben noch keine Grenzen gesetzt. Das ist die Mischung, aus der eine Meistermannschaft besteht.

Mathias Gidsel (26) mit der Meisterschale – die Mannschaft jubelt mit ihm
Wichtig für den Erfolg ist auch immer das Team hinter dem Team. Und natürlich Jaron Siewert und das Trainerteam, das diese Mannschaft anführt. Jaron ist derjenige, der am längsten im Verein ist. Er führt mit seiner absoluten Identifikation und seiner ruhigen Art. Gemeinsam mit seinem loyalen Co-Trainer Max Rinderle, der immer positive Ausstrahlung versprüht. Oder Dejan Peric, der beste Torwarttrainer auf diesem Planeten. Er trainiert nicht nur unsere Keeper, sondern haucht allen positive Energie ein.
Wir haben eine absolut professionelle Reha-Abteilung, Physios, zwei Top-Athletiktrainer, Ärzte. Das darf man alles nicht vergessen bei der Entwicklung, die wir genommen haben, sonst wäre dieser Erfolg nicht möglich gewesen.
Das ist etwas wahnsinnig Großes, dass da jetzt neben 13 Bannern für Deutsche Jugendmeisterschaften in unserem Trainingszentrum das erste Banner der Profimannschaft als Deutscher Meister hängt. Das ist eine unglaubliche Genugtuung, Erfüllung und auch Erleichterung.
Und unsere Reise ist noch nicht zu Ende. Am Wochenende wartet das Final4 in der Champions League. Diese Saison war brutal, und mit dem Titel ist der ganz große Druck jetzt erst mal weg. Ab sofort arbeiten wir nach der Devise: Also Freunde, wenn wir schon mal da sind, dann wollen wir es auch gewinnen!


