„Meine Bayern“ heißt die Kolumne von SPORT BILD-Reporter-Legende Raimund Hinko, die sich mit dem deutschen Rekordmeister befasst. Hinko begleitet den FC Bayern seit Jahrzehnten.

Lieber Vincent Kompany,

Du stammst aus Brüssel, der Stadt der Genüsse schlechthin. Ob Waffeln, Pommes oder die feinere Küche der Sterne – dort wird Dir alles geboten, für besondere Genießer jetzt im Dezember sogar einer der schönsten Weihnachtsmärkte der Welt.

Vielleicht ist Dir das noch gar nicht aufgefallen, doch es vergeht kaum ein Gespräch mit Dir, das nicht von Deinem Lieblingswort erfüllt ist, dem wunderbaren Wort GENIESSEN.

Ob Du einen 17-jährigen wie Lennart Karl an den großen Fußball heranführst – „er soll es genießen“ gibst Du ihm mit auf den Weg. Genauso wie Alphonso Davies, der nach seinem Kreuzbandriss gegen Mainz oder vielleicht sogar schon gegen Sporting Lissabon sein Comeback genießen soll. „Genieß es!“ Das hast Du Jamal Musiala auf seinen langen Weg durch die Reha mitgegeben. Es scheint zu fruchten. Der Dribbelkünstler wirkt wie von einer Last befreit. Empfindet noch so komplizierte Übungen nach seinem offenen Wadenbeinbruch und den zerstörten Bändern im Sprunggelenk als Genuss. Auch weil Du sie von flotter Musik und heißen Rhythmen begleiten lässt, die weit über die Säbener Straße hinaus zu hören sind. Ihr beide genießt das richtig.

Der Gipfel ist, wie positiv Du mit dem kleinen Kader und dem dichten Spielplan umgehst. Kein Wort der Klage, des Jammers wie sonst im Fußball üblich, als wäre es wirklich ein Genuss. „Vielleicht sehen Sie an meinen Augen, dass ich wenig geschlafen habe“, hast Du vor dem 5:0 in Stuttgart gesagt. „Doch ich kann das genießen“, hast Du mit treuherzigem Blick versichert – man mag es sogar glauben. Die Spieler auch, dass, je stärker der Stress, desto höher bei Dir der Genuss am geliebten Fußball ist.

Die höchste Form des Genießens durften jetzt Harry Kane erleben. Noch nie habe ich einen Spieler erlebt, der erst nach einer Stunde rein darf und der nach seinem Hattrick beim Selfie so verliebt den Ball mustert. Wenn je ein Spieler mit seinem Ball verschmolzen ist, wenn er je genossen hat, dann war es in dieser Szene Harry Kane. Der Engländer heißt ja nicht Maradona oder Pelé. Als der gute Harry vor zwei Jahren von Tottenham zu den Bayern kam, war er zwar ein torgefährlicher Elfmeter-Spezialist. Doch so viel Freude wie jetzt könnte der 32-Jährige noch viel Jahre spielen, ist man geneigt zu glauben.

Zunächst hat er von Bayerns Ex-Trainer Thomas Tuchel profitiert, der heute in England sein Nationaltrainer ist und den er mag. Doch so richtig die Lampen angegangen sind bei ihm erst, als er von Dir das Wort „genießen“ lernte. „Enjoy it, Harry“, hast Du gesagt, als Du ihn in Stuttgart auf Feld geschickt hast. Mich würde nicht wundern, wenn Kane als Krönung seiner Laufbahn den Ballon d’Or gewinnt. Ein paar Gramm Gold davon gehören Dir. Und das Patent, dass man mit Kurzarbeit als Joker noch öfter treffen kann als von Anfang an.

Auch wenn Kane und all die anderen Spieler zu schnöden Verteidigern werden, wie in der Champions League bei Paris Saint-Germain (2:1) oder im DFB-Pokal bei Union Berlin (3:2), fällt selbst bei Künstlern wie Michael Olise das Wort „Genuss“, bei Kilometer-Fressern wie Joshua Kimmich und Konrad Laimer sowieso. Ich vermute sogar, dass Du dieses verrückte Zauber-Hacken Tor, dieses 1:0 beim VfB, mit den Ösi heimlich trainiert hast. Und dass Du gesagt hast: „Genieß Du Deine Läufe. Ich zeige Dir, was wahrer Genuss ist.“

So ein Genussmensch wie Du freut sich natürlich auf den Weihnachtsbraten. Auf das traditionelle Lamm mit Rosmarin, Prinzessbohnen, Rosenkohl und Kartoffelgratin. Und nachdem Dir Uli Hoeneß im „Freihaus Brenner“ am Tegernsee gezeigt hat, wie ein Kaiserschmarrn schmeckt. Die ganze Familie genießt ihn.

Übrigens: Der Vertrag mit Manuel Neuer muss um vier Jahre verlängert werden (wäre das ein Genuss) …

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Quelle: BILD

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