Amanal Petros (30) gewinnt Silber im Marathon. Für Deutschland ist es die zweite Medaille bei der Leichtathletik-WM in Tokio.
Es fehlt sogar nur wenige Zentimeter zu Gold. Petros biegt als Führender ins Stadion ein, ist auch auf der Zielgeraden noch vorne. Der Sieg scheint ihm nicht mehr zu nehmen. Aber 10 Meter vor dem Ziel kommt Alphonce Felix Simbu (Tansania) ran, zieht neben Petros. Beide werfen sich ins Ziel. Mit bloßem Auge ist nicht zu erkennen, wer gewonnen hat.
Zeitgleich! 2:09:48 Stunden! Wahnsinn!
In der Tropen-Hitze von Tokio muss nach 42 Kilometern ein Foto-Finish entscheiden. Das zeigt: Simbu ist eine Winzigkeit vor Petros. Trotzdem: Eine absolute Monster-Leistung des deutschen Rekordhalters. Und eine Geschichte wie ein Märchen.
Fotofinish beim Zieleinlauf: Alphonce Felix Simbu (l.) gewinnt vor Amanal Petros
Petros: „Es war eine sehr, sehr lange Reise, 42 Kilometer, sogar mehr. Ein taktisches Rennen, sehr schwierig. Alle vier Kilometer Wasser trinken, wieder abkühlen. Es war nicht leicht. Zuvor habe ich vier Monate Höhentraining in Kenia gemacht – auf 2500 Metern Höhe, 200 bis 220 Kilometer pro Woche. Trainieren, essen, schlafen – sonst nichts.“
Die Qual hat sich gelohnt. Petros über seine Medaille: „Das bedeutet mir sehr, sehr viel. Ich meine, das ist eine Weltmeisterschaft. Sonst habe ich eine Medaille bei der Europameisterschaft gewonnen, aber das hier ist ein anderes Level. Hier laufen Olympiasieger und Weltrekordhalter.“
Petros kam als 16-Jähriger aus Eritrea nach Deutschland, setzte sich ohne Wissen seiner Mutter in ein Flugzeug und landete in Frankfurt. In einer Flüchtlingsunterkunft in Bielefeld lebte er sich ein und kam fast zufällig zum Laufen. Weil er als 17-Jähriger bei einem City-Lauf über 10 Kilometer allen davonlief.
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Inzwischen ist Petros absolute Weltspitze. Er pulverisiert fast sämtliche deutsche Rekorde, ist sowohl Rekordhalter beim Marathon (2:04:58 Stunden) als auch beim Halbmarathon (59:31 Minuten). Die Strecke lief er als erster Deutscher unter einer Stunde.
Aber der Marathon in Tokio wird sein Meisterstück. Petros hält sich immer in der Spitzengruppe auf, die immer kleiner wird. Auch Tempoverschärfungen der Konkurrenten kontert er konsequent. 500 Meter vor dem Ziel zieht er selbst an, bricht aus der verbliebenen Fünfergruppe aus. Nur Simbu kann folgen. Bis zum Krimi auf der Stadionrunde.
Es ist ein historischer Erfolg. Und ein Zieleinlauf, der in die Geschichte eingehen wird. Petros: „Das ist für meine Mama. Sie wird das nicht sehen, aber ich werde einige Videos schneiden und sie schicken, damit sie das schauen kann. Ich habe meine Mama seit acht, neun Jahren nicht gesehen. Das ist schwierig für mich, auch traurig.“
Sein Traum: „Es ist auf jeden Fall mein Ziel, sie mal irgendwann mal nach Deutschland zu holen und ihr zu zeigen, wie ich laufe.“ Bronze geht an Iliass Aouani (Italien).


