Dass es vorbei ist in Leverkusen, muss Erik ten Hag (55) auf den Tag genau drei Monate nach seiner Vorstellung als Trainer gemerkt haben. Am 26. August stellte der Werksklub Lucas Vázquez (34) als neuen Spieler vor. Einen ablösefreien Weltstar von Real Madrid, der die Mannschaft führen soll. Und ten Hag wusste lange nichts von der Verpflichtung des fünfmaligen Champions-League-Siegers.

Er war nicht involviert in den Transfer eines Spielers, der der neue Chef auf dem Platz werden soll. Sportchef Simon Rolfes (43) hatte ihm die Rolle innerhalb der Mannschaft in Video-Calls aufgezeigt, was Vázquez bei der Präsentation genau erklärte.

Mit Zugang Lucas Vázquez (34) sprach ten Hag erst, als der Vertrag unterschrieben war. Dabei soll der ehemalige Star von Real Madrid der neue Boss auf dem Platz werden

Foto: Bayer 04 Leverkusen via Getty Images

Ten Hag hatte an diesem 26. August erstmals mit Vázquez gesprochen – nachdem die Einigung zwei Tage zuvor erzielt, der Medizincheck am Vorabend in Madrid durchgeführt und der Zweijahresvertrag unterschrieben worden war.

Egal, ob ihn die Bayer-Bosse wegen des fehlenden Vertrauens in seine Integrität oder seine Arbeit als Trainer nicht mehr mitgenommen hatten: In diesem Moment muss ten Hag gewusst haben, dass er keine Zukunft in Leverkusen hat.

Sechs Tage später beendete der Vizemeister die Zusammenarbeit, bei der es nie ein „Zusammen“ gab. Rolfes musste sich eingestehen, mit der Trainerwahl seinen größten Fehler als Manager gemacht zu haben. Aber er war bereit, ihn zu korrigieren, um weiteren Schaden abzuwenden. Das wird im Klub und in der Bayer AG als Stärke gewertet.

Leverkusen-Beben: Darum schmiss Rolfes ten Hag wirklich raus

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Quelle: SID / BILD

Die ganze Wahrheit hinter dem Blitz-Aus nach nur zwei Liga-

Spielen (1:2 gegen Hoffenheim, 3:3 in Bremen) ist noch viel schlimmer als das, was bisher bekannt wurde.

In der Pressemitteilung zum Trainer-Aus gab es kein Wort des Dankes. Auch die Anstands-Phrase, dass man alles Gute für die Zukunft wünsche, fehlte.

Klub-Chef Fernando Carro (61) sagt, die Trennung zu dem frühen Zeitpunkt sei „notwendig“ gewesen. Rolfes erklärt, dass man den Aufbau der neuen Mannschaft (siehe auch Seite 32/33) mit ten Hag nicht „zielführend“ hätte gestalten können. Der Holländer hatte es geschafft, alle Abteilungen, Organe und die Spieler in kürzester Zeit gegen sich aufzubringen.

Ten Hag war schnell aus dem intimsten Kreis raus

Es hat Gründe, warum Ex-Trainer Alonso, der nun mit Real Madrid auf Platz 1 der spanischen Liga steht, Tage vor ten Hag vom Vázquez-Deal erfuhr. Er wurde gefragt, ob der Weltstar nach Leverkusen passe. Knapp drei Jahre lang war Alonso an allen internen Sitzungen zur Kaderplanung beteiligt. Er war über jeden Schritt informiert. Niemals hätte er Erkenntnisse weitergetragen. Nicht einmal sein Berater oder seine Freunde erfuhren etwas.

Ten Hag war nach SPORT BILD-Informationen schnell raus aus dem intimsten Kreis. Demnach war ihm auch vermittelt worden, dass es kein Zurück gebe. Mit seinen ständigen öffentlichen Forderungen nach neuen Spielern und dem Vertrauensbruch beim Abgang von Granit Xhaka (32) – ten Hag legte entgegen der intern mit ihm getroffenen Absprache über den Verkauf des Schweizers öffentlich ein Veto ein – waren alle Warnungen aus der Branche bestätigt und keine Gemeinsamkeiten zu finden.

Genauso zerrüttet war sein Verhältnis innerhalb der Kabine. Betreuer, Physios, Ärzte, Ernährungs-Experten, Team-Organisation, sein eigener neuer Trainer-Stab – mit niemandem wurde er warm. Gerade an der Stelle hatte man dem erfahrenen Trainer zugetraut, ein verbindendes Element zu sein. Wurde er nicht. Es gab keine Führung und keine Orientierung. Er wurde nie zum Chef des Profi-Bereichs in der Arena wie seine Vorgänger. Vor dem ersten Saisonspiel gegen Hoffenheim verzichtete ten Hag sogar zur Verwunderung aller auf eine mitreißende Ansprache, bevor die Spieler und der Stab auf den Platz gingen.

Am 26. Mai hatten Sportchef Rolfes (l.) und Klub-Boss Carro (r.) ten Hag als ihren neuen Trainer zum 1. Juli vorgestellt. Nach zwei Liga-Spielen war Schluss.

Am 26. Mai hatten Sportchef Rolfes (l.) und Klub-Boss Carro (r.) ten Hag als ihren neuen Trainer zum 1. Juli vorgestellt. Nach zwei Liga-Spielen war Schluss.

Foto: Bayer 04 Leverkusen via Getty Images

Rolfes war bei der Verpflichtung im Mai überzeugt, einen guten Fußball-Lehrer verpflichtet zu haben. Er sah die Erfolge von Ajax Amsterdam unter ten Hags Führung (2018 – 2022). Aber auch an der Stelle gab es nichts, was für eine gemeinsame Zukunft gesprochen hätte.

Der neuen Leverkusener Mannschaft hat der ehemalige Trainer von Manchester United keine Idee vermitteln können. Niemand wusste, was er zu machen hatte. Nicht einmal bei einer 3:1-Führung gegen Werder Bremen. Es gab Einzelaktionen, aber keine Spielidee. In der Kabine wurde darüber gerätselt, wa­rum Liegestütze im Training einen ähnlichen Stellenwert zu haben schienen wie Lauf- und Passwege – und das nicht nur an den ersten Tagen für die Verlierer von Trainingsspielchen zur Belustigung während der ungewohnt langen Einheiten.

Leverkusens Spieler verstanden nicht, wohin Trainer ten Hag taktisch und spielerisch mit ihnen gehen wollte

Leverkusens Spieler verstanden nicht, wohin Trainer ten Hag taktisch und spielerisch mit ihnen gehen wollte

Foto: picture alliance/dpa

Unter den langjährigen Mitarbeitern des Klubs gab es zuletzt schon Gespräche, wer der schlechteste Trainer der vergangenen 15, 20 Jahre war – mit ten Hag in einer Spitzenplatzierung für das Gesamtpaket.

Ten kostete Leverkusen jeden Tag 100.000 Euro

Deshalb stellte sich nicht die Frage, ob der Rauswurf nach zwei Spielen zu früh käme, sondern eher, ob man womöglich zu lange gewartet habe. Fünf Punkte hat Leverkusen schon verloren.

Die Abfindung für ten Hag, dessen Vertrag bis 2027 galt, ist vertraglich geregelt. Nach Informationen von SPORT BILD erhält er nach der schnellen Kündigung knapp fünf Millionen Euro. Inklusive seines Gehalts in den zwei Monaten kommt er auf rund sechs Millionen Euro für 60 Tage Arbeit (1.7.–31.8). Macht rund 100 000 Euro pro Tag – und einen Punkt. Ein teures Missverständnis.

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