Gordon Herbert (66): Ja, vergangenes Jahr war hart. Nach Olympia hatte ich zwei Tage frei. Dann ging es in München los. Die ersten zwei, drei Monate musste ich mich an den neuen Rhythmus als Vereinscoach gewöhnen, aber ab November habe ich mich wohlgefühlt. In diesem Sommer hatte ich fünf schöne Wochen in Finnland. Ich habe auf dem Grundstück meines Ferienhauses Holz gehackt, Gartenarbeit erledigt, bin Kajak und Jetski gefahren. Das war wie eine Therapie für mich. Jetzt sind die Energiespeicher voll.
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Haben Sie die EM im Fernsehen verfolgt?
Die wichtigsten Spiele habe ich gesehen. Einiges habe ich verpasst, weil wir selbst mit Bayern Training hatten oder unterwegs waren.
Wie groß war der Schock, als sich Ihr neuer litauischer Spielmacher Rokas Jokubaitis einen Kreuzbandriss zuzog?
Ich habe das Spiel der Litauer gegen Finnland gesehen. Der Schock war riesengroß. Jokubaitis ist für mich der beste Point Guard in Europa. Er sollte unser Schlüsselspieler werden. Jetzt fällt er mindestens ein halbes Jahr aus. Bitter.
Auch Ihr Center Jo Voigtmann verletzte sich bei der EM am Knie und musste operiert werden. Wie lange fällt er aus?
Die EM lief nicht gut für uns. Jo fällt nach seiner Knie-OP noch ein paar Wochen aus, dann müssen wir weiterschauen, wie sein Knie auf Belastung reagiert. Justus Hollatz hat einen verstauchten Knöchel. Auch Oscar da Silva kam krank zurück. Wir hatten acht Nationalspieler bei der EM. Die Hälfte davon fehlt uns jetzt.
Schauen Sie noch nach neuen Spielern?
Ja. Wir brauchen noch zwei oder drei Neue. Aber der Markt ist leergefegt. Die Situation ist nicht leicht. Aber so ist es nun einmal. Am Mittwoch trainieren wir das erste Mal mit dem Team. Zwei Tage später ist das erste Saisonspiel gegen Jena. Trotzdem gilt: Es gibt keine Entschuldigungen. Jetzt müssen andere in die Bresche springen. Die Verletzung von Jokubaitis zum Beispiel gibt Justus Hollatz die Chance, einen Schritt nach vorne zu machen – wenn er fit ist.
Sie haben wichtige Spieler wie Carsen Edwards, Devin Booker und Nick Weiler-Babb verloren. Gab es keine Chance, sie zu halten?
Auch Shabazz Napier haben wir verloren. Nein, es gab keine Chance. Sie können woanders mehr verdienen. Die Gehälter bei den Euroleague-Klubs sind noch einmal gestiegen. Das hat auch damit zu tun, dass Dubai Basketball und Hapoel Tel Aviv neu in der Liga sind.
Welche Saisonziele haben Sie?
Meine Vision ist: Deutscher Meister. Pokalsieger. Euroleague-Play-offs. Mir sagen viele Leute, dass Euroleague-Play-offs nach jetzigem Stand unrealistisch sind. Aber mal schauen. Wenn wir als Team zusammenwachsen, ist vieles möglich.
Bei Bayern ist der deutsche Meistertitel jedes Jahr Pflicht. Ist dieser Druck unangenehm?
Nein. Ich mag Druck. Das war einer der Gründe, warum ich zu den Bayern gegangen bin. Hier gibt es die Vision zu gewinnen. Das ist auch meine Vision. Ich habe lieber viel Druck als keinen Druck. Je mehr Druck du hast, desto besser ist dein Job.
Wer sind die stärksten Gegner in der BBL?
Ulm, Chemnitz, Berlin, Würzburg, Bonn. Es gibt einige. Das Niveau in der BBL ist im Laufe der Jahre sehr hoch geworden. Und es muss in den nächsten Jahren weiter steigen. Der deutsche Basketball hat eine große Chance, den nächsten Schritt zu machen. Weltmeister und Europameister wird man nicht alle Tage. Das muss man nutzen. Die Feierei ist zu Ende. Jetzt sind die Klubs, die Liga und der Verband gefordert.
Hatten Sie während der WM Kontakt zu Ihren ehemaligen Spielern?
Nach dem Finalsieg habe ich den meisten Spielern geschrieben. Und ich habe mit dem Bundestrainer Álex Mumbrú telefoniert. Sie haben Großartiges geleistet.
Welcher deutsche Spieler hat Sie am meisten überrascht?
Dennis und Franz sind ein zweiköpfiges Monster. Das sieht jeder. Aber für mich war Isaac Bonga der X-Faktor. Er ist für mich der beste Verteidiger in Europa, das habe ich schon länger gesagt. Und auch seinen Wurf hat er verbessert. Er ist so vielseitig. Wir haben alles versucht, ihn zurück nach München zu holen. Er war neben Jokubaitis der Spieler, den wir am meisten wollten. Leider vergeblich. Jetzt ist er für mich ein NBA-Spieler. Das hat er sich hundertprozentig verdient. Vor ein paar Jahren war er schon einmal dort, aber jetzt ist er gereift, und sein Selbstbewusstsein ist groß genug.
Nächstes Jahr werden Sie Nationaltrainer in Kanada. Endet damit Ihre Zeit in München, oder ist eine Doppelfunktion denkbar?
Damit befasse ich mich nicht. Mein Fokus liegt zu hundert Prozent auf dieser Saison mit Bayern. Ich möchte jeden Tag genießen. Als Trainer weiß man nie, wie lange es geht, speziell in meinem Alter.


