SPORT BILD: In der neuen ARD-Doku „Being Franziska van Almsick“ sprechen Sie von Ihrer „Hassliebe“ zum Schwimmen. Wie viel Prozent war Hass, wie viel Liebe?

Franziska van Almsick (47): Am Anfang war es pure Liebe. Es schlug in dem Moment um, als ich merkte, dass ich das Schwimmen und das ganze Drumherum nicht mehr selbst in der Hand hatte. Ich wurde abhängig vom Erfolg. Es ging nicht mehr nur darum, gut zu schwimmen. Plötzlich ging es darum: Bin ich zu fett? Oder habe ich wieder etwas gesagt, was falsch verstanden wurde? Außerdem durfte ich nach Meinung der Öffentlichkeit ja auch nicht mehr verlieren. Ab dann wurde es anstrengend.

Die vergebliche Jagd nach Olympia-Gold hat Sie während der gesamten Karriere begleitet. Wie anstrengend war das?

Das große Ziel Olympia-Gold habe ich mir ja selbst gesetzt. Aber was soll ich mir als Weltmeisterin und Weltrekordinhaberin auch sonst vornehmen? Soll ich mir einreden „Dabei sein ist alles“? Das wäre albern gewesen. Aber wenn man dann wiederholt feststellt, dass eine Medaille nicht genug ist, fragt man sich, ob das noch verhältnismäßig ist. In Sydney 2000 bin ich mit Bronze nach Hause gekommen und habe die Häme meines Lebens eingesteckt. Da habe ich mir gesagt: Ich mag das alles nicht mehr.

Die Doku „Being Franziska van Almsick“ läuft ab 4. September in der ARD-Mediathek und ab 9. September im TV-Programm des Ersten

Foto: ARD/SWR/IMAGO/ABACAPRESS/Hahn Ne

Am Ende der Doku sagen Sie über die vergebliche Gold-Jagd: Es tue nicht mehr weh und Sie hätten Ihren Frieden damit geschlossen, denn Gold hätte Sie zu einem anderen Menschen gemacht. Wie meinen Sie das?

Ich bin sehr demütig und dankbar. Natürlich habe ich mir gewünscht, olympisches Gold zu gewinnen – aber sicher bin ich mir da nicht. Es ist wichtig zu akzeptieren, dass man nicht alles im Leben erreicht, was man sich wünscht. Mit 47 sehe ich das zwischenzeitlich gelassen. Ich habe sportlich fast alles erreicht und lebe heute so, wie ich es mir wünsche. Dieses fehlende Gold macht mich eher menschlicher und bodenständiger. Es ist nicht das, was mein Leben bestimmt.

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Quelle: BILD

Wann war der Augenblick, in dem Sie Ihren Frieden mit dem ausgebliebenen Olympia-Gold schließen konnten?

Nicht unbedingt direkt nach Ende meiner Karriere. Es hat ein bisschen gedauert. Sehr hilfreich war, zwei Kinder zu bekommen. Dadurch wird man sehr geerdet, und nichts, was vorher wichtig war, spielt noch eine große Rolle. Ich gebe aber zu: Als wir die Doku gedreht haben, hat es mich noch einmal gewurmt. Mir wurde noch mal klar, wie knapp das eigentlich war. Da könnte ich echt ins Sofa beißen. Aber dieses Gefühl verschwand schnell wieder. Es ist okay, so, wie es ist.

Berühmt ist die Vorgeschichte vor Ihrem WM-Gold 1994 in Rom. Im Vorlauf schieden Sie als Neunte aus, doch Dagmar Hase überließ Ihnen ihren Startplatz. Ein Jahr später bei der EM schieden Sie wieder im Vorlauf aus und schwammen im B-Finale schneller als die Europameisterin im A-Finale. In der Doku nennt Dagmar Hase das eine „Dummheit“. Nehmen Sie ihr das übel?

Ach was. In der Doku geht es ja nicht darum, alles schönzureden. Daggi hat ja auch ein bisschen recht. Sie war schon immer so ehrlich. Und genau deshalb mag ich sie bis heute. Aber das erneute Ausscheiden war auch Folge von einem Gefühlschaos und einer emotionalen Schwäche. Ich hatte Angst, dass mir das Gleiche noch einmal passiert – und genau so kam es dann natürlich. Wenn man nur daran denkt, passiert es auch. Damals gab es ja auch noch keine psychologische Betreuung. Wir mussten da alleine durch.

Über welche Stelle in der Doku haben Sie laut gelacht?

Mich mit 13, 14 Jahren zu sehen und mit dem breiten Berliner Dialekt sprechen zu hören war lustig. Da musste ich echt lachen. Früher hat eine Großtante immer mit mir geschimpft, wenn sie Interviews mit mir gesehen hatte. So zu reden gehöre sich nicht für eine junge Dame. Auch dank ihr spreche ich heute ein recht gepflegtes Deutsch.

Wo waren Sie schockiert?

Ich war schockiert zu sehen, was alles mit mir in jungen Jahren passiert ist. Man denkt ja selbst nicht über sein Alter nach, wenn man bei Olympia an den Start geht. Ich fände es als Mutter nicht so gut, wenn auf meine Kinder das einprasselt, was mir mit 14 widerfahren ist. Zum Glück bin ich recht gut durch diese Zeit gekommen.

In einer Szene durchwühlt ein TV-Reporter 1992 in Barcelona vor Ihren Augen Ihre Tasche auf der Suche nach Plüschtieren. Finden Sie das aus heutiger Sicht nicht übergriffig?

Damals fand ich das nicht schlimm. Aber im Nachhinein betrachtet, war das schon sehr dreist.

Habe Sie sich damals mit anderen Superstars wie Jan Ullrich, Boris Becker oder Steffi Graf über den Star-Rummel und das Vereinnahmtwerden ausgetauscht?

Nein. Komischerweise nicht. Wir kennen uns alle untereinander. Aber das ist etwas, worüber man nicht spricht. Ich habe mich gewundert, warum niemand vom Verband zum Beispiel mal nachgefragt hat. Vor allem nach Ende meiner Karriere habe ich darauf gewartet, aber es ist nie etwas passiert. Das hätte ich mir gewünscht. Top-Athleten könnten viel mehr ihre Erfahrungen an junge Talente weitergeben. Das passiert zu wenig.

In der Doku erfährt man, dass der Boris-Becker-Manager Ion Tiriac Sie unter Vertrag nehmen wollte. Warum sind Sie nicht zu ihm gegangen?

Weil Werner Köster schneller und netter war.

Mit dem Wissen von heute: Was würden Sie anders machen?

Olympia-Gold gewinnen! (lacht) Ich hätte mir gern weniger ins Hemd gemacht. Aber ich war immer ein emotionaler Mensch, wie man auch in der Doku sieht. Ich war und bin absolut kopflos und lasse mich von meinen Emotionen treiben. Das war auch als Schwimmerin so. Ich bin nie mit Strategie geschwommen, ich hatte nie einen Plan.

Sie hatten in Ihrer Jugend eine revolutionäre Phase, haben die Schule frühzeitig verlassen. Hätten Sie die ohne das Schwimmen, den Leistungsdruck und den Star-Rummel auch gehabt?

Ich befürchte, sie wäre noch dramatischer ausgefallen. Das Schwimmen gab mir ein Korsett, aus dem ich nicht ausbrechen konnte. Ohne diese Leitplanken links und rechts hätte ich noch andere Dinge draufgehabt.

Der Star-Rummel hat bestimmt manchmal genervt. Aber haben Sie es auch genossen, ein Star zu sein?

Ich kokettiere ja gern damit zu sagen, ich hätte gern ein ­normales Leben. Aber ich weiß ja gar nicht, was das ist. Ich muss mich nirgendwo anstellen, das ist mir schon bewusst. Wenn ich an einer Schlange vorbeigeführt werde, ist mir das kurz peinlich.

Passiert das auch an der Schlange im Supermarkt?

Nein (lacht). Das würde ich mich nie trauen. Ich meine damit eher Galas und offizielle Empfänge.

Wie ist es, so intensiv über sein Leben nachzudenken und zu sprechen? Haben Sie etwas Neues über sich selbst gelernt?

Ich war selbst erstaunt, wie entspannt ich dabei war, mich mit meinem Leben zu beschäftigen. Aber ich konnte die Dinge immer schon gut reflektieren. Ich habe es genossen, noch einmal alles Revue passieren zu lassen. Mit einer Altersweisheit von oben draufzuschauen war sehr schön.

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