Wenn die Füchse Berlin, der amtierende Meister der Daikin Handball-Bundesliga, am Sonntag (15 Uhr, live auf WELT.TV, Bild.de und Dyn/Anzeige) beim TVB Stuttgart antreten müssen, sollte sich der Titelträger vorsichtshalber auf Unvorhersehbares einstellen.
Denn bei den Stuttgartern steht seit Sommer Misha Kaufmann (41) als Chef-Coach an der Seitenlinie. Der Schweizer zählt zu den am schwersten zu entschlüsselnden Trainern in der „besten Liga der Welt“.
Misha Kaufmann ist der Handball-Revolutionär
Kaufmann war selbst Handball-Profi, in der Saison 2008/09 avancierte er als Spieler beim HC GS Stäfa mit 300 Toren zum Schweizer Torschützenkönig. Wegen einer schweren Knieverletzung endete seine Spielerkarriere 2016 viel zu früh, direkt im Anschluss wurde er Trainer beim HSC Suhr Aarau.
Zu einem ganz besonderen Trainer, was die Handball-Gegenwart immer wieder beweist. Jede Woche postet Kaufmann auf seinem Instagram-Account (mishakaufmann333) Videos, in denen er seine Trainingsarbeit und Methoden anschaulich macht.
Der Schweizer setzt im Training auf Dinge, die beim ersten Hinsehen nicht an Handball erinnern. Kaufmann will an die Synapsen seiner Spieler ran, zum Beispiel mit Modulen aus der Life-Kinetik. Training für das Gehirn, mit Auswirkungen auf Hände und Füße.
LED-Lampen, die in verschiedenen Farben und vorab einstellbaren Abfolgen leuchten, müssen mit den Händen und/oder den Füßen berührt werden, um sie auszuschalten. Kaufmanns Ziel: „Das Gehirn bewusst vor ein Problem stellen, das es zu lösen gilt.“
Stuttgarts Trainer weiter: „Ich möchte mein Wissen und meine Gedanken weitergeben. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir in der Nachwuchs- und Trainingsarbeit in fast allen Sportarten noch vieles viel besser machen können.“
Kaufmann macht vieles anders als seine Trainer-Kollegen. Mit der Folge, dass viele seiner Ideen inzwischen von seinen Kollegen kopiert werden. Schon während seiner Amtszeit beim ThSV Eisenach (Oktober 2021 bis 2025) implementierte er bei den Thüringern das Angriffs-Spiel ohne Kreisläufer und mit vier Rückraumspielern. Ein Taktik-Kniff, der immer mehr in Mode kommt.
Teilweise legendär sind inzwischen auch Kaufmanns Auszeit-Ansprachen während der Bundesliga-Spiele. Da kann es auch mal überspitzt zur Sache gehen, um aus den Spielern mehr herauszukitzeln.
Was macht der Torwart denn da???: Handball-Star trifft von der Mittellinie
Gegen Meister Berlin wird Kaufmann wieder kreativ sein müssen. Sein TVB Stuttgart leidet seit Wochen unter einer unfassbaren Verletzungs-Pechsträhne, sechs Stammkräfte fehlen in seinem Kader.
Anstatt Depression zählt für Kaufmann dann Mut zur Konsequenz, Ausreden lässt der Schweizer nicht gelten. In der wichtigen Abwehrmitte deuten sich die Einsätze der Nachwuchskräfte Max Heydecke und Linus Schmid (beide 18) an – es dürfte dann das jüngste Abwehrchef-Duo der Liga aller Zeiten sein.
Kaufmanns Credo: „Erst kommt die Entwicklung. Und mit der Entwicklung dann auch der Erfolg.“


