Mehrere ehemalige und noch aktive Turnerinnen haben massive Missstände öffentlich gemacht. Jetzt spricht Deutschlands aktuell erfolgreichste Kunstturnerin Elisabeth Seitz (31) im Interview mit BILD.
Deutschlands erfolgreichste Turnerin packt aus
Wie ist ihre aktuelle Trainings-Situation am Stuttgarter Kunst-Turn-Forum (KTF)?
Seitz: „Die beiden Trainer, die dort freigestellt wurden, sind nicht meine Trainer. Dennoch ist die Lage schwierig, ich persönlich habe aber die Möglichkeit, normal zu trainieren. Für die von den Freistellungen betroffene Trainingsgruppe ist aktuell ein Trainer da, der die Einheiten absichert.“
Sie waren die erste, noch aktive, Turnerin aus dem Nationalmannschafts-Kader, die sich öffentlich zu den Vorfällen geäußert hat. Machen sie sich wegen ihrer Äußerungen Sorgen um die eigene Karriere?
Seitz: „Selbstverständlich macht man sich Gedanken über das Risiko, wenn man Kritik äußert. Jedoch habe ich mich aber dazu entschieden, da mir die Zukunft des Turnens und des Nachwuchses am Herz liegen.“
Wie haben sie sich gefühlt, als Claudia Schunk als Ersatz für die freigestellten Trainer nach Stuttgart kam?
Seitz: „Die Entscheidung lag ja nicht bei mir. Ich konnte das nicht verstehen, das hatte ich dem Deutschen Turnerbund auch mitgeteilt. Für mich war es fragwürdig, dass nach meinen damaligen Meldungen beim DTB nichts Sichtbares passiert ist.“
Wie haben sie sich nach Schunks Beförderung gefühlt?
Seitz: „Nach meinen Meldungen an den DTB hat die Beförderung mich natürlich überrascht. Tatsache ist aber auch, dass man als Turnerin auch in einem Tunnel ist und dabei vor allem auf sich, seine Gesundheit und seine Leistung schauen muss.“
Sind sie sich in Stuttgart begegnet, nachdem Schunk im Januar für zwei Wochen als Ersatztrainerin dort eingesetzt wurde?
Seitz: „Die Begegnungen in der Halle beschränkten sich auf das Minimum – so wie es die Jahre zuvor auch gewesen war.“
Wären all ihre Erfolge ohne hartes Training möglich gewesen?
Seitz: Hochleistungssport ist hart und oft auch an der Grenze. Das bedeutet aber nicht, dass es grenzenlos werden darf. Diese Grenzen dürfen nicht überschritten werden und dabei unsere Jugend verloren gehen. Sonst werden wir weiterhin ein Nachwuchsproblem im deutschen Turnen haben.“
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Claudia Schunk hat zuletzt öffentlich betont, dass es nie ihre „Absicht war, die Turnerinnen zu belasten und dass, sollten meine Verhaltensweisen gleichwohl so wahrgenommen worden sein, mir dies leidtut“. Nehmen sie ihr das ab?
Seitz: „Schwierig, ich hatte mich ja erst an die Öffentlichkeit gewandt, als sich noch mehr Turnerinnen verschiedener Jahrgänge gemeldet hatten, die das gleiche wie ich berichteten.“
Hat sich Claudia Schunk jemals bei ihnen persönlich entschuldigt?
Seitz: „Nein.“
Was muss bei den Verbänden passieren, damit eine Umkehr beginnen kann?
Seitz: „Ich glaube es muss eine bessere Kommunikation zwischen den Athleten, den Trainern und auch dem DTB geben. Wir haben viele gute und engagierte Trainer: innen im Turnen, die täglich ihr Bestes geben und junge Menschen versuchen besser zu machen. Diese gehören gefördert. Meiner Meinung nach sollte es eine Instanz geben, welche die Athleten vor allem beim DTB gemeinschaftlich besser vertritt. Dadurch könnte man eine viel bessere Transparenz herstellen. Ich glaube, wir haben jetzt die Chance etwas nachhaltig zu verändern und zu verbessern. Ich liebe diesen Sport und weiß, dass wir auch viele gute Menschen im System haben, die an einer solchen Neuausrichtung interessiert sind.“

