Der Basketball-Olympiasieger Tyson Chandler (42) gewann mit Dirk Nowitzki 2011 die NBA-Meisterschaft in Dallas und war dann 2019/20 bei Houston der Mentor vom damaligen NBA-Rookie Isaiah Hartenstein. Hier spricht der Amerikaner über seine Weggefährten, seine deutsche Familie und die aktuellen Stars der nordamerikanischen Basketball-Liga, die am 21. Oktober startet.
SPORT BILD: Mister Chandler, Sie wurden 2011 an der Seite von Dirk Nowitzki NBA-Meister. Sie haben selbst deutsche Wurzeln. Welche genau?
Tyson Chandler: [–>Meine Großmutter väterlicherseits ist deutscher Abstammung. Sie lebt in München. Ihre gesamte Familie ist noch in Deutschland. Mein Großvater lernte sie in Deutschland kennen. Dort kam dann mein Vater zur Welt. Auch ein paar meiner Onkel und Tanten wurden in Deutschland geboren, zogen dann in die USA um, als sie etwas älter waren. Ich scherzte immer mit Dirk herum: Wenn ihr für die deutsche Nationalmannschaft einen Center braucht, ich könnte bestimmt die Staatsbürgerschaft bekommen!
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Wo steht Nowitzki für Sie in der NBA-Geschichte – in den Top 10?
Das ist immer schwer zu sagen, aber für mich ist er in den Top 10. Er ist einer der Größten, die jemals gespielt haben. Besonders auf seiner Position des Power Forwards. Er hat Basketball revolutioniert. Durch ihn hat sich die Spielweise der Center und Power Forwards verändert. Sie stehen nicht mehr nur in Korbnähe, sondern werfen auch aus der Dreier-Distanz. Sie müssen jetzt neue Fähigkeiten mitbringen. Das wirkt bis heute nach. Dirk war seiner Zeit weit voraus. Spieler, die solch eine Wirkung haben, kann man nicht aus der absoluten Spitze herausnehmen. Er hat dem Spiel seinen Stempel aufgedrückt, und langsam holt der Basketball von heute ihn ein. Erst jetzt machen viele Spieler das, was er schon vor 25 Jahren draufhatte.
Sie waren 2019/20 bei den Houston Rockets ein Mentor vom Deutschen Isaiah Hartenstein, der jetzt NBA-Meister mit Oklahoma City geworden ist. Wie stolz sind Sie auf Ihren früheren Schüler?
Ich habe mir die Finalserie ganz genau angeschaut, weil ich zu beiden Seiten Verbindungen habe. Mein Meister-Trainer Rick Carlisle bei Indiana (2011 mit Dallas; d. Red.) und Isaiah auf der anderen Seite. Es war so aufregend für mich, ihm zuzuschauen. Mir gefällt extrem gut, was ich von ihm sehe, weil er sich zu einem so großartigen Spieler entwickelt hat. Ich habe mich unheimlich für ihn gefreut, als er den Titel gewonnen hat, weil ich weiß, was für ein toller Mensch er ist. Ich war begeistert wie ein Kind, als ich ihm beim Feiern zugeschaut habe – als wenn ich selbst ein Familienmitglied von ihm wäre.

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2018/19 spielten Sie mit Superstar LeBron James bei den Los Angeles Lakers. Er hat jetzt im zweiten Jahr Luka Doncic an seiner Seite. Wie werden Sie zusammenpassen?
Sie sind so brillante Basketballer, dass sie einen Weg finden werden, es hinzubekommen. Die beiden hatten bereits ein halbes Jahr, um sich aneinander zu gewöhnen. Es dauert einfach, bis man sich kennenlernt und die richtige Chemie entwickelt. Jetzt hatten sie eine gemeinsame Vorbereitung. Ich habe mit beiden zusammengespielt, und beide tun Dinge auf dem Platz, die ich nie von irgendjemandem gesehen habe. Du stehst da und sagst „Wow“. Das sind zwei Spieler, die sogar ihre Konkurrenten und Teamkollegen beeindrucken.
James spielt mit fast 41…
Darauf bin ich sehr gespannt. Er muss sich immer wieder auf neue Situationen anpassen, je älter er wird. Seine wievielte Saison ist es inzwischen? Die 21., 22.? Nein, sogar die 23. Er wird wissen, wie er sich am besten mit Doncic abstimmt. Sie haben beide ein so großes Basketball-Wissen. Das wird klappen.
Wen halten Sie für den Größten aller Zeiten – LeBron oder Michael Jordan?
Ich stamme aus einer Ära, in der MJ der Basketball-Gott war. Daher wird es extrem schwer für jeden, Jordan von diesem Thron zu stoßen. Allerdings muss man auch sagen: Wenn du einen perfekten Basketballer erschaffen würdest, wäre das LeBron. Vor ihm habe ich auch den ultimativen Respekt. Da fällt die Entscheidung so schwer. Ich werfe da auch Kobe Bryant ins Rennen.

Tyson Chandler nennt die NBA-Ikone Michael Jordan als „Basketball-Gott“
Als bester Spieler der NBA gilt Denvers Center Nikola Jokic, allerdings Kopf an Kopf mit Oklahomas City Shai Gilgeous-Alexander, dem amtierenden MVP. Wer ist aktuell Ihre Nummer eins?
Da gibt es keine falsche Antwort, aber ich würde Jokic sagen. Ich war selbst Center, der gegen ihn verteidigen musste. Er ist einfach unglaublich und verbessert sich immer noch. Ich hatte ihn schon unter den Besten aller Zeiten, als ich vor fünf Jahren aufhörte. Sein Ballgefühl, seine Größe, bei der er trotzdem schnelle Beinarbeit hat, seine Geschicklichkeit – er kann einfach alles. Er ist einer der talentiertesten Center, die wir jemals gesehen haben.
Sie gewannen Gold mit den USA bei Olympia und der WM. Aktuell ist Deutschland Weltmeister. Werden die USA bei den Sommerspielen 2028 schlagbar sein?
Wir sind auf jeden Fall schlagbar! Das war auch schon zu meiner Zeit so. Allerdings muss man sagen, dass wir in Los Angeles ein wirklich großartiges Team an den Start bringen werden – wie immer. Aber wir als USA wissen, dass die Welt uns im Basketball bereits eingeholt hat. Daher wird es wahrscheinlich das offenste Turnier der Olympia-Historie. Ein Land wie Kanada war sonst nie oben dabei, aber jetzt haben sie die Spieler und können sich ein paar Jahre auf Olympia vorbereiten. Deutschland und Frankreich werden auch stark sein.

Tyson Chandler (l.) gibt Anweisungen als Trainer und Botschafter beim NBA-Camp „Basketball without Borders“ (Basketball ohne Grenzen) in Manchester
Orlandos Franz Wagner ist einer der Shootingstars. Was halten Sie von ihm?
Ich lernte seinen Bruder Moritz bei den Los Angeles Lakers kennen. Die beiden sind so talentiert. Sie bringen ihre besondere Note in den Basketball. Das mag ich sehr.
Sie sind Botschafter beim NBA-Nachwuchscamp „Basketball without Borders“. Immer mehr Europäer spielen in der NBA. Wie groß ist das Potenzial, das Sie hier sehen?
Ich bin nicht überrascht, wie stark der europäische Nachwuchs ist. Die Europäer sind nicht mehr wie früher Geheimtipps. Selbst die Amerikaner können noch etwas von den europäischen Spielern lernen, wenn es um den Skill und die Kreativität geht. Jetzt, wo ich schon etwas älter bin, betrachte ich Basketball als Kunst.
Inwiefern?
Es gibt verschiedene Künstler wie in der Malerei oder der Musik, so auch im Basketball. Jeder drückt sich auf dem Platz unterschiedlich aus, je nachdem, welche Erfahrungen er gesammelt hat oder was ihn geprägt hat. Das zeigt sich bei den Europäern, die den Basketball auf ihre eigene Weise sehen. Basketballer sollten sich von verschiedenen Künstlern abschauen und dann ihre eigene Kreativität einsetzen. Ich liebe es, den Europäern zuzuschauen.

