SPORT BILD: Herr Podolski, Sie spielten von 2015 bis 2017 bei Galatasaray Istanbul. Hat Sie der Wechsel von Leroy Sané zu Ihrem Ex-Klub überrascht?
Lukas Podolski (40): Wieso sollte mich das überraschen? Von seinem Potenzial und Alter her gibt es für ihn natürlich Klubs, die noch eine Kategorie über Galatasaray angesiedelt sind. Es ist am Ende aber allein die Entscheidung von Leroy. Er hätte natürlich überlegen können, ob er noch einmal die Herausforderung in einer anderen großen Liga sucht. Ich weiß allerdings nicht, ob er noch andere Anfragen hatte. Wenn Leroy für sich und seine Familie entschieden hat, dann ist alles gut.
Ist ein Wechsel aus der Bundesliga in die Türkei noch immer ein sportlicher Rückschritt?
Türkei und Gala werden ja immer ein bisschen kleingeredet. Das ist definitiv ein Klub, der sich vor anderen nicht zu verstecken braucht. Ich war selbst in Istanbul, das ist eine Mega-Stadt. Ein toller Verein, mit Fans in der ganzen Welt. Gala hat sich seit meiner Zeit noch mal gesteigert und sportlich entwickelt. Das Stadion ist fantastisch. Zudem haben sie ein neues Trainingsgelände. Ganz verkehrt kann die Entscheidung also nicht sein.
Ein Angebot hatte Sané definitiv. Der FC Bayern hätte ihm einen neuen Vertrag geboten, allerdings zu schlechteren Konditionen. Verstehen Sie, dass er sich dagegen entschied?
Vielleicht hatte er einfach mal Bock, etwas anderes zu probieren. Da ist er bei Gala genau richtig!
Der Klub hat das Gehalt von Sané veröffentlicht. Er kassiert neun Mio. Euro netto pro Saison. Dazu kommt ein Treuebonus von drei Millionen Euro pro Jahr. Mit leistungsabhängigen Boni könnte sein Gehalt auf 15 Millionen Euro steigen.
Fakt ist: Der Klub hat Geld, weil er das alte Trainingsgelände verkauft hat und ein paar Milliönchen übrig hat. Da ist eine Riesensumme geflossen, mit der man versucht, eine Mannschaft zu bauen, die international konkurrenzfähig ist. Mit der Kohle, die sie gerade in die Mannschaft stecken, will der Klub nun mehr erreichen, als immer nur die Süper Lig zu gewinnen. Sie wollen auch international zeigen, dass sie Titel holen können. Als sie die Europa League im Jahr 2000 gewonnen haben, hieß der Wettbewerb noch Uefa-Cup. Bei Galatasaray entwickelt sich was.
Es heißt, Galatasaray habe Sané auch mit der Aussicht geholt, eine Mannschaft zu formen, die in der Champions League um den Titel spielen kann. Halten Sie das für realistisch?
Bereits zu meiner Zeit haben wir in der Champions League gespielt. Damals wie heute gilt: Du hast natürlich geringere Chancen als mit Klubs wie Manchester City, Paris oder Bayern, das Ding zu gewinnen. Das ist klar. Alles andere wie Klub, Stadion, Fans und Stadt sind auf einem Topniveau. Den Champions-League-Sieg anzupeilen halte ich dabei für etwas überambitioniert. Aber unter die letzten 16 zu kommen und die Ligaphase zu überstehen, ist definitiv drin.
Lukas Podolski spielt aktuell für Gornik Zabrze in Polen
Was für ein Leben erwartet Sané im Alltag in Istanbul?
Leroy ist mit Sicherheit der Königstransfer bei Gala. Er ist nicht nur dort, sondern in der ganzen Liga der neue Topstar. Die Fans sind stolz, dass er nun ein Teil ihres Klubs ist. Dafür sind sie dankbar und werden ihm das auch zeigen. Leroy kann sich schon einmal darauf einstellen, dass er die Lira zu Hause im Safe lassen darf, wenn er abends essen gehen will. Als Gala-Star wird er, wo er auch hinkommt, eingeladen werden. Die Hauptgänge werden ihm nur so um die Ohren fliegen (lacht).
Galatasaray hat Sané, ist zudem an Marc-André ter Stegen und Ilkay Gündogan interessiert. Bekommen wir in Istanbul bald eine Filiale der deutschen Nationalspieler?
In den türkischen Medien wird jeden Tag über große Name spekuliert. Wenn es danach geht, stehen alle Topstars der Welt kurz vor der Unterschrift. Die Türkei hat zudem den Stempel, dass sie nur Topspieler verpflichten können, wenn ihre Karriere dem Ende entgegengeht. Da muss sich die Liga mal freischwimmen. Mit den Möglichkeiten, die Galatasaray hat, kann man das auch mal anders angehen und nicht nur die Namen holen, die die Fans schreien und Trikot-Verkäufe garantieren. Mit dem Transfer von Leroy ist schon mal ein guter Anfang gemacht, Spieler zu holen, die sportlich noch viel erreichen wollen – und können.


