„Meine Bayern“ heißt die Kolumne von SPORT BILD-Reporter-Legende Raimund Hinko, die sich mit dem deutschen Rekordmeister befasst. Hinko begleitet den FC Bayern seit Jahrzehnten.

Lieber Nick Woltemade,

ja, Du liest richtig. Gerade heute ist es mir wichtig, Dir zu schreiben. Nachdem Du bei Newcastle United unterschrieben hast, anstatt bei Bayern München. Nur weil die beim VfB Stuttgart unglaublich geldgeil waren, was ihnen jedoch niemand verübeln kann. Gerade die Schwaben sind solchen Geschäften fast ohnmächtig ausgeliefert, völlig berauscht von den 85 Millionen Ablösesumme für einen Spieler, der vor einem Jahr ablösefrei von Werder Bremen kam.

Niemand kann Dir den Wechsel, auch des lieben Geldes wegen, verübeln. Bis zuletzt, wie beim Pokalsieg in Braunschweig (7:8 nach Elfmeterschießen) mit einem fast artistischen Tor, hast Du alles gegeben. Und das war’s mit Sicherheit noch nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Du in durchaus absehbarer Zeit das Trikot von Bayern München tragen wirst. Weil Du so ein richtiger Bayern-Spieler bist, bei dem sich Glamour, Charme und Intelligenz mit großem Können, Erfolgshunger und Strebsamkeit (Oliver-Kahn-like immer weiter, immer weiter) paaren.

Bei den Bayern gibt es jetzt schon Stimmen, die sagen, warum nur haben wir 70 Millionen an den FC Liverpool (dort halten sie sich vor lauter Lachen immer noch die Bäuche) für den durchaus sympathischen Louis Diaz bezahlt?? Der zwar Tore macht, doch, siehe 2:3 in Augsburg, viel zu viele Chancen vergibt. Der höchstens ein ziemlich guter Bundesliga-Spieler ist, jedoch einen Platz für den 17-jährigen Lennart Karl aus dem eigenen Nachwuchs blockiert, der vor Ehrgeiz kaum zu bremsen ist. Man stelle sich mal vor, Max Eberl hätte jetzt auch noch, was schon in trockenen Tüchern war, Nicolas Jackson für 16,5 Millionen Euro ausgeliehen, einen Mann, den sie beim FC Chelsea „Chancentod“ nennen – das Transfer-Chaos wäre perfekt gewesen.

Doch jetzt fließen für Diaz und Jackson zusammengenommen fast 90 Millionen. Genau die Summe, für die es mit Dir einen echten Woltemade gegeben hätte. Ich darf da gar nicht länger drüber nachdenken, um mich nicht in einen Wutrausch zu schreiben. Vor allem, wenn ich daran denke, dass für Jackson, der sicherlich dank seiner Ausbildung in Spanien fußballerische Qualitäten hat, für 2026 eine verpflichtende Kaufoption von 65 Millionen Ablöse besteht. Niemand kann doch ernsthaft hoffen, dass Trainer Vincent Kompany den Stürmer so oft aufstellt – und dafür auf Nachwuchskicker Karl verzichtet. Kompany wäre ein Held bei den Fans, wenn er stattdessen auf den Youngster setzen würde.

Nachdenken, lieber Nick Woltemade, wirst Du in den nächsten Monaten in der englischen Provinz, auch wenn Newcastle eine freundliche, fortschrittliche Stadt ist, noch genügend. So schnell und athletisch der Fußball in England auch sein mag – Du wirst Heimweh nach der Bundesliga bekommen. Wo sich gerade englische Fußballer in der Bundesliga zunehmend pudelwohl fühlen.

Fußballfans aufgepasst!: Jetzt spricht Woltemade

Quelle: Instagram @nickwoltemade

Frag nach bei Harry Kane. Der gute alte Elfmeter-König, immerhin Kapitän der englischen Nationalmannschaft, hat bei Bayern auf seine alten Tage das Fußballspielen gelernt. Immer öfter wird das sichtbar. Zuletzt in Augsburg, wo er auf wunderbare Weise aus dem Mittelfeld – fast Musiala-like – das 0:1 vorbereitete, mit ganz viel Gefühl in den Strafraum flankte, so dass Serge Gnabry mit einem schulbuchmäßigen Kopfball vollenden konnte. Frag nach bei Eric Dier, der zuletzt in seinem halben Jahr bei Bayern aufblühte, den einzigen Titel in seiner 14-jährigen Laufbahn holte, ehe er jetzt in Monaco seinen fußballerischen Lebensabend verbringt. Dier, der zuletzt überschwänglich die Arbeitsauffassung von Bayern-Kapitän Manuel Neuer lobte, sowas hätte er weltweit noch nicht erlebt („der Größte aller Zeiten“). Frag nach bei Trainer Vincent Kompany, der sich nach 13 Jahren Premier League in München zunehmend wohlfühlt.

Und wer es immer noch nicht glaubt: Jamal Musiala ist in seinen U16, U17 und U18-Jahren bei den Bayern geformt worden (kam mit 2019 mit 16 nach München), weniger in seinen jüngeren Jahren in England, u.a. bei Chelsea. Reicht das?

Die Bundesliga darf, anstatt zu jammern und heulen, die neueste Demütigung von Newcastle (mit Hilfe saudi-arabischer Gelder) nicht auf sich sitzen lassen. Sie muss zusammenhalten, mehr für sich werben. Gerade nach dem Aufstieg der Dinos, des Hamburger SV, des 1. FC Köln, die europäische Geschichte geschrieben haben. Wenn Christoph Freund, Bayerns Sportdirektor, über die Gefahren von der Insel spricht, klingt es wie ein Programm, wie ein Gegenentwurf:: „Wir müssen die richtigen Spieler für uns finden. Die Engländer haben schon lange das meiste Geld. Trotzdem gibt es immer wieder andere Vereine, die da mithalten können. Weil sie clevere Transfers machen, weil sie ein gutes Trainerteam zusammenstellen, weil sie eine Art von Fußball spielen, der zusammenpasst.“

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Ein sehr gutes Beispiel sollte Michael Olise sein, der nach drei Jahren Crystal Palace seit 2024 in München dank seiner unaufgeregten Art, seiner Ballsicherheit, seiner Schnelligkeit, seiner Nervenstärke, seiner Torgefahr in der Nationalelf von Frankreich mittlerweile eine feste Größe ist. Obwohl Ausländer, als Favorit für die Wahl zu Deutschlands Fußballer des Jahres gehandelt wird. Und der erzählt ja dann in Frankreich, dass es ihm in der Bundesliga besser geht als in der Premier League, obwohl er (Vater Nigerianer, Mutter algerische Französin) in London geboren ist, in ganz jungen Jahren für ManCity gespielt hat, in der U14 für den FC Chelsea. Klar, dass die jetzt hellwach sind. Auch beim FC Liverpool.

Auf gar keinen Fall darf es Bayern mit Olise so gehen wie Stuttgart mit Dir, lieber Nick Woltemade, dass da ein neureicher Klub sein Geld mit der Schubkarre nach München fährt. Da ist es gut und beruhigend, dass man jetzt Geld gespart hat nach dem Beschluss von Uli Hoeneß, bzw. des Aufsichtsrats („nur leihen, nicht kaufen“). Nicht umsonst heißt das Notgroschen …

Bayern wird in Europa immer ein Schwergewicht bleiben wie Real Madrid oder der FC Barcelona. Wie Juventus Turin, mit Abstrichen der FC Liverpool, die beiden Klubs in Mailand und Manchester. Da muss Newcastle United noch einige Jahrzehnte dran stricken.

Bis dahin gehst Du, lieber Nick Woltemade, obwohl ich Dir das um Himmels willen nicht wünsche, schon am Krückstock.

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