„Ihr habt souverän gewonnen, in zwei Spielen gegen Leverkusen, in den großen Partien!“, ließ Kompany in seiner Kabinenrede die Spieler nach ihrem Einzug ins Champions-League-Viertelfinale wissen. Dabei wollte es der Belgier noch lange nicht belassen. Kompany sagte weiter: „Das gilt auch für die Siege gegen Frankfurt und Stuttgart. Genau so müssen wir weitermachen! Ich bin stolz auf euch, genau so muss unser Weg weitergehen!“
Wo der Weg enden soll, sagte Kompany nicht. Doch das Gefühl in der Bayern-Kabine wächst, dass er diese Saison bis ins Champions-League-Finale, das am 31. Mai in München stattfindet, gehen kann. Kompany gibt den Bayern nicht nur das „Mia san mia“-Gefühl zurück. Er schafft auch wieder das Gemeinschaftsgefühl der viel zitierten „Bayern-Familie“, die in jeder noch so kritischen Lage zusammenhält.
Thomas Tuchel schwächte Spieler wie Joshua Kimmich und Leon Goretzka früh, indem er neue Stars forderte. Auch Klub-Patron Uli Hoeneß hatte er gegen sich
Die Kompany-Bayern führen acht Spieltage vor Liga-Schluss trotz des 1:1 bei Union Berlin souverän mit sechs Punkten Vorsprung die Bundesliga-Tabelle an. In der Champions League sind die Münchner im Viertelfinale gegen Inter Mailand (8. und 16. April) der Favorit. Im DFB-Pokal ist Kompany im Achtelfinale an Leverkusen gescheitert – aber auch danach blieb es für Münchner Verhältnisse rund um den Klub erstaunlich ruhig.
Bei seinen Vorgängern Thomas Tuchel (51) und Julian Nagelsmann (37) gab es selbst in Erfolgszeiten ständige Brandherde, als es Niederlagen setzte meist richtig Feuer. SPORT BILD sagt, was Kompany alles besser macht.
Statistisch gesehen liegt Kompany in fünf von sechs entscheidenden Kategorien vorn. Der Belgier hat einen besseren Punkte-Schnitt (2,38) als Nagelsmann (2,19) und Tuchel (2,12). Seine Mannschaft schießt mehr Tore pro Spiel, kassiert weniger Treffer, lässt weniger Torschüsse zu und gewinnt die meisten Zweikämpfe. Selbst das Laufpensum ist unter Kompany höher (119,4 Kilometer pro Spiel) gegenüber Nagelsmann (115,7 km) und Tuchel (115,6 km). Allein bei den abgegebenen Torschüssen pro Spiel liegt der Belgier mit 18,5 zwar vor dem neuen England-Trainer Tuchel (18,3), aber hinter Bundestrainer Nagelsmann (19,5) zu ihren Münchner Zeiten.
Der entscheidende Erfolgsfaktor bei Kompany ist sein Standing in der Mannschaft. Die Spieler wissen es zu schätzen, dass Kompany sie individuell nur intern, aber nie einzeln öffentlich kritisiert. Der Belgier stellt sich immer vor seine Mannschaft. Das war unter Nagelsmann und Tuchel anders. Der Analytiker Tuchel erklärte Fehlerketten oft so genau, dass am Ende der auslösende Spieler und damit der Schuldige für alle Zuhörer klar war. Bei den Äußerungen von Nagelsmann hatte die Mannschaft meist das Gefühl: Gewonnen wird immer als Gemeinschaft aus Trainer und Mannschaft, an Niederlagen sind nur die Spieler schuld.

Julian Nagelsmann musste auch gehen, weil die damaligen Bosse fürchteten, dass Tuchel als Trainer-Alternative sonst vom Marktsein könnte
Als Kapitän von Manchester City hat Kompany verinnerlicht, wie wichtig es ist, dass sich die Gruppe nicht durch gegenseitiges Fehlverhalten spalten lässt. Dabei ist sein ehemaliger Trainer Pep Guardiola (54) eher dafür bekannt, dass er gerne Trainer-Siege erzielt und sein eigenes Genie in der Öffentlichkeit feiern lässt. Sein Verständnis von richtigem Gruppenverhalten hat Kompany schon vor seiner Profi-Karriere verinnerlicht.
„Mein Sohn hat immer hart gearbeitet“, antwortet Vater Pierre Kompany(77), von SPORT BILD gefragt nach dem Erfolgsgeheimnis seines Sohnes. Der Politiker (Mitglied des Brüsseler Parlaments) nennt auch weitere Punkte: „Er war schon immer ein Leader, aber auch sozial engagiert und hilfsbereit. Das sind große Stärken von ihm, die ihm auch bei seiner Trainerarbeit helfen.“
Was seinen Sohn vor allem früh geprägt habe: „Vincent war als Kind an den Wochenenden immer bei den Pfadfindern, bis es durch den Fußball nicht mehr möglich war. Dort hat er früh spielerisch viel über das Verhalten in einer Gruppe gelernt.“
Nichts verlernt!: „Robbery“ zaubert wieder im Bayern-Trikot
Pfadfindern wird beigebracht, wie wichtig es ist, Verantwortung in einer Gemeinschaft zu übernehmen. Genau das setzt Kompany beim FC Bayern um.
Kompany hat eingeführt, dass die Sitzordnung in der Kantine beim Mittagessen regelmäßig geändert wird. So sollen alle Spieler in den gegenseitigen Austausch miteinander kommen. Dass Spieler für Fehlverhalten wie Zu-spät-Kommen nicht an den öffentlichen Pranger gestellt, sondern damit bestraft werden, dass sie so lange wie der Trainer selbst an der Säbener Straße bleiben müssen, kommt ebenfalls gut an im Team.
Die Mannschaft hat Kompany so auf seiner Seite. Auch die Alt-Bayern-Bosse, die an der Säbener Straße auch ohne ihre physische Anwesenheit ständig präsent sind, bringt der junge Trainer anders als sein Vorgänger nicht gegen sich auf.
Kompany vermeidet es konsequent, auf Äußerungen der Aufsichtsräte einzugehen. Bei Tuchel ging der öffentliche Schlagabtausch mit Ehrenpräsident Uli Hoeneß (73) zwischenzeitlich so weit, dass sogar eine Aussprache zwischen Trainer und Aufsichtsrat nötig wurde. Hoeneß hatte unter anderem kritisiert, dass Tuchel nur teure Stars fordere und keine Spieler entwickle. Der Trainer fühlte sich daraufhin in seiner Ehre verletzt. Zudem ließ sich Tuchel auch mit den Medien auf verbale Schlagabtäusche ein, brach sogar ein Interview beim Bundesliga-Partner-Sender Sky ab.
Bei Nagelsmann stieß der Führung eher die Arbeitsmoral des heutigen Bundestrainers auf. Gerade in den Monaten vor seiner Entlassung im März 2023 wurde intern in der Chefetage kritisch gesehen, dass Nagelsmann nach den Trainingseinheiten nicht mehr so lange am Gelände blieb wie noch zum Anfang seiner Amtszeit. Dabei soll Nagelsmann beklagt haben, dass er die Mannschaft nicht mehr erreiche. Umso mehr irritierte die Bosse, dass ihr Trainer nicht intensiver daran arbeitete, dies zu ändern.
Der Klub macht es Kompany allerdings mit einer strategischen Entscheidung auch leichter als seinen Vorgängern. Tuchel und Nagelsmann saßen bei Spieltags-Pressekonferenzen noch allein auf dem Podium und mussten sich Fragen der Journalisten aus allen Bereichen rund um den FC Bayern stellen. Kompany bekommt am Tag vor dem Spiel entweder Eberl oder Freund an die Seite gesetzt. Die Sportbosse fangen Fragen ab, die nichts mit der Mannschaft und dem aktuellen Spiel zu tun haben. So gerät Kompany weniger in Gefahr, sich in klubpolitische Themen zu verstricken.
Unter Kompany ist die Bayern-Familie wieder enger zusammengerückt. So kann der Trainer darauf hoffen, dass die berühmt-berüchtigte Wagenburg-Mentalität auch für ihn selbst gilt, falls der FC Bayern in eine sportliche Krise geraten sollte.


