„Meine Bayern“ heißt die Kolumne von SPORT BILD-Reporter-Legende Raimund Hinko, die sich mit dem deutschen Rekordmeister befasst. Hinko begleitet den FC Bayern seit Jahrzehnten.
Lieber Joshua Kimmich,
Dein Herz schlägt ab sofort schneller. Und das der Bayern-Spieler um Dich herum nimmt ebenfalls Fahrt auf. Jedes Spiel wird jetzt zu einem Finale. Einem Finale um neue Verträge. Einem Finale um die Zukunft. Wenn das mal gut geht.
Ja, es wird gut gehen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass Du als Mister Europacup aus dieser Saison hervorgehst. Mir geht da „Bulle“ Franz Roth nicht aus dem Sinn. Ja, der Bulle. Er rang mit den Bayern 1974 um einen neuen Vertrag, drei weitere Jahre sollten es sein. Der Bulle schnaubte, weil ihn Manager Robert Schwan und Präsident Wilhelm Neudecker hinhielten. Die Forderungen nicht erfüllten. Er ging ohne neuen Vertrag ins Finale gegen den hohen Favoriten Leeds United.
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„Bulle“ Roth, wie der Name sagt ein Kraftpaket, schoss das 1:0. Aus vollem Lauf so scharf, so vollgepumpt mit Wut und Adrenalin, dass der Ball wie ein Turbo-Rasenmäher die Grasnarben rasierte und eine Spur des Schusses hinterließ. „Ich will weg von Bayern“, sagte er nach dem 2:0-Sieg – kurz vor Schluss hatte Gerd Müller noch getroffen.
Schwan und Neudecker, nicht gerade ziemlich beste Freunde, lagen sich in den Armen, schraubten die Ablöse in damals unerschwingliche Höhe, Roth musste zähneknirschend noch ein weiteres Jahr zu den alten Bedingungen spielen – und wurde zu einem der gefragtesten Spieler Europas. Doch diesmal lief es genau andersrum. Bayern erreichte wieder das Champions-League-Finale, diesmal gegen den ebenfalls favorisierten AS St. Etienne. „Ich will weg“, schnaubte der Bulle wieder. Die Bayern jedoch statteten ihn vorher mit dem gewünschten Zweijahresvertrag aus. Und es war wieder Roth, der explodierte, diesmal aus lauter Dankbarkeit. Ein Freistoß aus 20 Metern, diesmal am Rande der Schallgeschwindigkeit („dagegen war mein Tor gegen Leeds ein Kullerball“), das 1:0 für den dritten Europacup der Landesmeister in Folge (1974 1:1 und 4:0 gegen Atlético Madrid).
Also bloß keine Hektik aufkommen lassen, lieber Joshua. Du hast so oder so sehr gute Karten, kannst in einer Rolle wie Roth zum Helden werden, zum Mister Europacup. Du hast dich unter Vincent Kompany stabilisiert, bzw. gesteigert. Du weißt, wann ein Pass wichtig ist, wann ein Fernschuss, wann eine Grätsche. Es wäre also völlig verfehlt, einen Schnellschuss zu machen. Zumal Du Kollegen um Dich rum hast, die ebenfalls heiß und hungrig sind, die Meisterschaft von Leverkusen zurückzuerobern und ins Champions-League-Finale am 31. Mai in München einzuziehen. Thomas Müller, der brennt und brennt und brennt, hat es in seiner Jahresbotschaft klar formuliert. Und am meisten brennt Kapitän Manuel Neuer, der nach einigen Rückschlägen (Rote Karte gegen Leverkusen, Rippenbruch) und ein paar Kratzspuren am Heiligenschein, sein Karriereende in ein, zwei Jahren zum Höhepunkt machen will.
Franz Beckenbauer, der uns vor einem Jahr leider verlassen hat, würde sagen: „Irgendwann hat man genug, in kurzen Hosen aufzulaufen. Doch bei Manuel Neuer kann ich trotz seiner 38 Jahre keine Spur von Müdigkeit erkennen. Also gilt für ihn: Weitermachen!“
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Auch für einige Jüngere ist jedes Spiel ein Finale um einen neuen Vertrag. Wobei Kingsley Coman mit Finals gute Erfahrung hat (Siegtor 2020 gegen Paris). Serge Gnabry braucht ein paar überragende Spiele, um zu bleiben. Leory Sané und der wieder erwachte Leon Goretzka sowieso. Gute Voraussetzungen für Sport-Boss Max Eberl, die Spieler zu reizen, das letzte aus ihnen rauszuholen. Da brauchen beide Seiten gute Nerven. Da wird es auch ein paar böse Zeilen geben, ein paar verbale Scharmützel..
Am meisten kämpfen muss Eberl wohl um Jamal Musiala, obwohl der bis 2026 Vertrag hat. Doch Musiala weiß, was er an den alten (oder sagen wir reiferen?) Herren in der Mannschaft hat, die ihn verwöhnen. Ja, dazu zählst auch Du, lieber Joshua Kimmich – in einem Monat bist Du 30. Doch keine Panik. Wobei ich wetten würde, dass Du, der vierfache Vater, bei den Bayern bleibt, weil Du hier besser aufgehoben ist als in einer anderen europäischen Großstadt in Europa. Selbst wenn sie Barcelona heißt.


