Über 100 Mitarbeiter aus den Bereichen Profis, Jugend und Frauen hatte Simon Rolfes (43) geladen. Im BayKomm, dem Tagungszentrum der Bayer AG, präsentierte Leverkusens Sportchef den Trainern und Scouts des Klubs die weiterentwickelte Transfer-Strategie des Vereins.
In diesem Workshop im Februar 2024 erklärte Rolfes u. a., wie die Auswahl neuer Stars noch zielgenauer getroffen werden soll. Die Ablösen steigen immer weiter – also muss noch genauer hingeschaut werden, was man für die vielen Millionen wirklich bekommt.
„Nicht euer Ernst!“: Alonso verzweifelt am Real-Zirkus
Dabei geht es um viel mehr als Talent und Qualität auf dem Platz. Ein Jahr lang hatte Rolfes einen neuen Charakter-Test für potenzielle Zugänge ausarbeiten lassen. Zugeschnitten auf die Bedürfnisse des Double-Siegers von 2024.
Rolfes: „Mentalität greifbar machen“
„Es geht darum, den Begriff ‚Mentalität‘ für uns greifbarer zu machen“, sagt Rolfes nun zu SPORT BILD. Er zog beim Erstellen der Prioritäten und Kriterien viele eigene Mitarbeiter mit ein, etwa den damaligen Trainer Xabi Alonso (44/jetzt Real Madrid). Zudem engagierte er einen externen Psychologen, der auf Personal-Management spezialisiert ist.
Herausgekommen sind die „Big Five“, wie sie es in Leverkusen nennen. Es handelt sich um fünf Charakter-Merkmale, zu denen über jeden Spieler vor einer Verpflichtung gezielt Informationen gesammelt werden:
1. Intrinsische Motivation
Welchen Eigenantrieb der Spieler mitbringt, sich und die Mannschaft zu verbessern.
2. Widerstandsfähigkeit
Reaktion auf Druck, schwierige Situationen, Rückschläge.
3. Fokus
Wie sehr liegt der auf dem Fußball, der Entwicklung und dem professionellen Leben.
4. Soziale Kompetenz
Respekt, Umgang, Ego, Wirkung auf die Gruppe.
5. Durchsetzungsvermögen
Führungsanspruch, Biss, Mut.
Besonders viele Erkenntnisse erlangen die Bayer-Bosse in den persönlichen Gesprächen mit den potenziellen neuen Stars. Nicht durch direkte Fragen wie: „Bist du jeden Tag motiviert?“ Sondern durch eine spezielle Gesprächsführung, die der Psychologe mit ausgearbeitet hat.
Geht es um die Eigenmotivation, wird scheinbar beiläufig erfragt, ob ein Spieler beim Trainingskick die Spielstände oder eigene Treffer mitzählt. Das gibt Aufschluss über Einstellung und Ehrgeiz. Ein weiteres Beispiel: Ein Spieler wird mit eigenen Schwächen konfrontiert. Ist er aufmerksam oder abweisend? Nimmt er es als Antrieb, um selbst zu wachsen, oder sucht er Ausreden? So gibt es für alle fünf Punkte unterschiedliche Ansätze, wichtige Erkenntnisse zu erlangen.

Tillman (r.) kam für 35 Mio. nach Leverkusen. Im Derby zeigte er Kölns Martel die Grenzen auf
Aus allen Punkten zusammen ergibt sich ein genaueres Bild, ob ein Spieler zur Mannschaft passt, wie gierig er ist, ob er Anführer wird oder Mitläufer, welche Eigenarten er in die Kabine bringt, wie groß sein Ego ist. Und in welchem Verhältnis das zu seiner zu erwartenden Leistungs- und Entwicklungsfähigkeit steht.
Die Auswertung erfolgt nicht in Form eines Punktesystems, sondern ausschließlich als Gesamtbild. Es ist nicht so, dass ein Top-Fußballer durchfällt, der vielleicht nur in drei der fünf Punkte überzeugt. Fällt aber auf, dass jemand weit vom Ideal abweicht, wird eine Verpflichtung unwahrscheinlicher. Erst recht dann, wenn es um eine große Investition geht.
Im Sommer waren die „Big Five“ besonders wichtig. Der Vizemeister vollzog einen Mega-Umbruch. Spieler für 300 Millionen Euro Ablöse gingen (u. a. Florian Wirtz), Neue für rund 200 Millionen Euro kamen.

Wirtz ging für 140 Mio. nach Liverpool. Bayer verkaufte Spieler für insgesamt 300 Millionen Euro Ablöse und holte Neue für 200 Mio. – der Umbruch funktioniert
Wie gut die Transfers passen, haben zuletzt die Spiele gegen Dortmund in der Liga (1:2) und im Pokal (1:0) gezeigt. Bayer kann mit dem erfahrenen BVB-Kader mithalten. Das Entwicklungspotenzial der jungen Mannschaft gilt als größer. Noch ist sie aber anfälliger für Rückschläge – wie es das 0:2 in Augsburg gezeigt hat. Aber die Mannschaft ist stark genug, um immer wieder zurückzukommen. Das belegten das 2:2 in der Champions League gegen Newcastle und das souveräne 2:0 gegen Köln in der Liga.
Spieler wie Jarell Quansah (22), Loïc Badé (25), Ibrahim Maza (20), Malik Tillman (23), Ernest Poku (21) oder Christian Kofane (19) haben sich schnell gefunden. Die Einzelkönner werden zur Einheit. Einzig Eliesse Ben Seghir (20) kämpft mit großen Startschwierigkeiten.

Für Köln nicht zu stoppen: Bayer-Schnäppchen Poku (M.)
In der kommenden Saison soll die nächste Meister-Attacke auf den FC Bayern erfolgen. Schon in dieser Spielzeit hat Leverkusen den Pokal-Triumph im Blick. Der Achtelfinal-Sieg in Dortmund war ein Signal für die eigene Mannschaft – und an die Konkurrenz. In der Champions League liegt Bayer vor den letzten beiden Spielen der Liga-Phase bei Olympiakos Piräus und gegen Villarreal auf Play-off-Kurs.
Der größte Umbruch einer deutschen Top-Mannschaft innerhalb einer Transferperiode hat funktioniert. Nicht nur – aber auch – wegen der „Big Five“.

