Unsere Handball-Frauen rocken die Heim-WM – und kaum einer sieht’s. Deshalb gab’s scharfe Kritik von Handball-Größen an ARD und ZDF, die erst ab dem Viertelfinale übertragen wollen.

SPORT BILD sprach mit Ex-DFL-Chef und Dyn*-Gründer Christian Seifert, der zwischen 2005 und 2020 an fünf Medienrechte-Vergabevorgängen direkt beteiligt war und dabei rund 15 Milliarden Euro Einnahmen für die DFL herausholte.

SPORT BILD: Herr Seifert, was denken Sie bei der aktuellen TV-Diskussion um die Handball-Frauen?

Christian Seifert (56): Eine Heim-WM ist immer ein ultimatives Highlight. Deshalb kann ich total nachvollziehen, dass große Enttäuschung vorherrscht bei Spielerinnen, Fans und beim DHB. Die Rechte-Situation ist absolut unglücklich, aber so etwas passiert nicht über Nacht.

SPORT BILD: Das heißt?

Seifert: Die Rechte wurden bereits 2018 vergeben, da war Handball – gerade Frauen-Handball – bei weitem nicht so populär wie jetzt. Dass Handball immer populärer wird, freut mich, dazu hat Dyn auch einen Teil beigetragen. Erst 2020 war klar, dass die WM nach Deutschland kommen würde. Natürlich: Da hatte man dann fünf Jahre Zeit, sich vorzubereiten, aber dass es sich so zuspitzt, ist eine Verkettung unglücklicher Umstände.

SPORT BILD: Warum zeigt Dyn die WM nicht?

Seifert: Wir hätten sie gerne gezeigt, aber für uns gab es zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit, die Rechte zu erwerben. 2018 gab es uns noch gar nicht. Jetzt gab es unrealistische Preisvorstellungen, wir hatten offiziell auch kein Angebot vorliegen. [–>(Dyn ist als Streaming-Dienst direkter Konkurrent von Rechte-Inhaber Sporteurope.tv, d. Red.)

TV-Ärger um Frauen-WM: Christian Seifert kontert Handball-Boss Andreas Michelmann

SPORT BILD: Wie sehen die „unrealistischen Preisvorstellungen“ aus?

Seifert: Die können Rechte-Inhaber haben, aber gerade auch kleinere Verbände und Ligen neigen manchmal dazu, den Wert der Rechte zu überschätzen. Wichtiger als Geld ist manchmal Reichweite und redaktionelle Konzepte. Die Fußball-Dominanz ist unbestritten, ich habe selbst lange genug daran mitgearbeitet. Was viele übersehen: Auch wenn Frauenfußball gezeigt wird, bleibt es am Ende Fußball, und eben nicht Handball oder Volleyball. Fußball muss sich darüber keine Gedanken machen, andere Sportarten schon.

SPORT BILD: Sie können die Kritik von DHB-Präsident Michelmann, der Richtung ARD und ZDF von „Schande“ sprach, also nicht nachvollziehen?

Seifert: Ich schätze Andreas Michelmann sehr und kann seinen Ärger nachvollziehen, fand die Worte aber etwas zu hart. Vor allem, da im Januar 2026 bei den Männern und im Dezember 2026 bei den Frauen ja wieder zusammengearbeitet werden soll.

„Selten gesehen“: Ist DAS der Handball-Treffer des Jahres?

Quelle: DYN

SPORT BILD: Trotzdem bleibt ein Beigeschmack, dass die bislang sehr starken Leistungen der Handballerinnen bei den Öffentlich-Rechtlichen nicht zu sehen sind.

Seifert: Wir haben bei Dyn eine strategische Kooperation: Zwölf Spiele der HBL und der BBL laufen pro Jahr bei der ARD, das funktioniert sehr gut. Am 15. November hatte das Handball-Topspiel zwischen den Füchsen Berlin und dem THW Kiel mehr Zuschauer im TV als das medial sehr stark begleitete NFL-Spiel in Berlin in der Woche davor. Durch unsere Kooperation sieht man auch verstärkt Berichte aus anderen Sportarten, zum Beispiel Volleyball, im Morgen- oder Mittagsmagazin. Aber klar ist Fußball dominant und auch ich finde als Sport-Fan, dass durchaus noch ausgewogener berichtet werden könnte.

SPORT BILD: Was müssen die anderen Sportarten dafür tun?

Seifert: Ligen und Verbände müssen sich zuallererst über ihre Position im Wettbewerb im Klaren sein. Es reicht einfach nicht, Spiele zu zeigen und über Ergebnisse zu berichten. Wir decken bei Dyn jede Sportart grundsätzlich von Montag bis Sonntag ab, mit sehr vielen Social-Media-Inhalten. Und wir geben den Klubs und Ligen die Möglichkeit, das Material auf ihren Kanälen zu verwenden. Unabhängige Studien zeigen: Die „Dyn-Sportarten“ haben mehr Fans als vor zwei oder drei Jahren. Das belegt, dass man durch das richtige Konzept Fans gewinnen kann. Wer – außer BILD und SPORT BILD, das kann man ruhig sagen – berichtet denn rund um die Mannschaft bei der Frauen-WM großflächig? Wir zeigen die Handball-Bundesliga der Frauen bei Dyn, das sind alles phantastische Sportlerinnen, die Aufmerksamkeit verdient haben.

Nina Engel (22/M.) im Auftaktspiel gegen Island. In der HBF läuft das Rückraum-Ass für die HSG Bensheim/Auerbach auf

Nina Engel (22/M.) im Auftaktspiel gegen Island. In der HBF läuft das Rückraum-Ass für die HSG Bensheim/Auerbach auf

Foto: picture alliance/dpa/Kessler-Sportfotografie

SPORT BILD: Hat sich Dyn deshalb neben den Männern auch Frauen, Junioren und Beachhandballer bis 2031 gesichert?

Seifert: Ja. Wir werden das ganz große Besteck auspacken, um ihnen allen die Bühne zu geben, die sie verdient haben.

SPORT BILD: Wie sieht dieses große Besteck aus?

Seifert: Stand heute haben wir die größte – und meinem Empfinden nach natürlich auch beste – Handball-Redaktion in Deutschland. Mit Blick auf die EM der Herren im Januar und Damen im Dezember und erst recht bei der Heim-WM der Herren 2027 werden wir als Dyn zusammen mit DHB-Partner Lidl sicher die größte Aufmerksamkeits-Kampagne starten, die es bisher für Handball gab. Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, die Sportart größer zu machen, Lidl hat sich auf die Fahne geschrieben, Menschen für Sport und gesunde Ernährung zu begeistern. Wir als Partner wollen zeigen, dass Handball großartiger Sport ist und wir wollen, dass der Sport wächst.

ttn-36