So ein Tor hat Leon Draisaitl (29) noch nie erlebt. In dieser NHL-Saison gehen für den deutschen Eishockey-Superstar sogar die Unmöglichen rein. Gegen Minnesota wollte der Stürmer eigentlich nur den Puck aus dem eigenen Drittel befördern. Doch sein Schuss aus 40 Metern prallte von der Kufe eines Gegenspielers ab, trudelte über die gesamte Eisfläche aufs gegnerische Tor zu. Dort war Minnesotas Goalie Marc-André Fleury (40) überrascht, der Puck setzte auf, Fleury säbelte mit seinem Schläger an der Scheibe vorbei – und drin war sie. „Das Tor war in der Tat wahrscheinlich das kurioseste in meiner bisherigen Karriere“, sagt Draisaitl. „Das passiert vielleicht auch nur einmal.“
Sonst erzielt der Kölner seine Treffer für die Edmonton Oilers mit Können. Keiner trifft in dieser Spielzeit so gut wie Draisaitl. Mit 34 Toren führt er die NHL an. Der Deutsche könnte erstmals in seiner Karriere die „Maurice Richard Trophy“ gewinnen, die an den Torschützenkönig geht.
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Aktuell sind sowohl sein Torschnitt pro Spiel (0,72) als auch seine Trefferquote (22,8 Prozent seiner Schüsse landen im Tor) so hoch wie noch nie in seinen elf NHL-Jahren.
Die Analyse seiner 34 Tore zeigt, von wo Draisaitl am häufigsten trifft. Rund um das Tor bringt sich der Mittelstürmer mit seinem 95-Kilo-Körper in Position und schiebt aus kurzer Distanz ein. Seine Spezialität sind aber die Direktschüsse (sogenannte „One-Timer“) von der rechten Seite. Dort steht Draisaitl bereit, wartet auf Zuspiele und zieht ansatzlos ab.
„Den One-Timer-Schuss trainiere ich schon regelmäßig“, sagt Draisaitl. „Die Treffgenauigkeit ist aber nicht nur eine Frage der Technik oder der Schusshärte, sondern oft auch des Selbstvertrauens.“ Warum klappt es gerade von rechts? Draisaitl: „Das ergibt sich auch daraus, dass ich links schieße, und daher auf der rechten Seite des Eises nicht nur besser für Direktabnahmen stehe, sondern auch einen besseren Winkel habe.“

Leon Draisaitl schiebt gegen Seattle zu einem Tor ein
26 Tore schoss er mit der Vorhand, acht mit der Rückhand. Bei drei Treffern halfen die Gegner mit: Einmal schoss er aus spitzem Winkel Detroits Olli Määttä (30) an, von dem der Puck ins Tor prallte. Gegen Tampa Bay wurde Draisaitls Abschluss gehalten, doch Torwart Andrei Vasilevskiy (30) schoss seinen eigenen Verteidiger Victor Hedman (34) an, und von diesem flog die Scheibe in den Kasten. Gegen Vancouver nutzte Draisaitl Torhüter Thatcher Demko (29) als Bande für ein Billardtor aus spitzem Winkel. Da es im Eishockey keine Eigentore gibt, wird es dem letzten Angriffsspieler zugeschrieben, der den Puck berührt hatte – also Draisaitl.
„Poldi fand ich überragend“
Hier hat der Kölner also einen Vorteil gegenüber seinen Fußball-Kollegen. Dort hat Draisaitl seine Lieblinge: „Poldi fand ich zu seiner großen Zeit überragend. Später dann Robert Lewandowski, als er bei Bayern war. Interessanterweise beides Typen, die auch einen Pass spielen können und auch außerhalb vom Strafraum anspielbar sind.“
Die Rolle des Vorbereiters mag Draisaitl auch für sich: Mit 37 Vorlagen liegt er in den Top 15 der NHL. 2022 und 2023 wurde er in einer Umfrage unter den NHL-Spielern jeweils zum besten Passgeber der Liga gewählt. „Mir macht es mindestens genauso viel Spaß, einen guten Pass zu spielen, der von meinen Mitspielern verwertet wird, wie selbst zu treffen“, sagt Draisaitl. „Ich schaue immer, ob jemand in einer besseren Position ist als ich.“
Auch defensiv hat sich Draisaitl in den vergangenen Jahren gesteigert. In der Plus-Minus-Statistik liegt er mit +27 auf NHL-Rang zwei. Spieler bekommen ein „+1“, wenn sie bei Toren auf dem Eis stehen, die ihr Team bei Gleichzahl-Situationen erzielt. „Vorne Tore aufzulegen oder selbst zu schießen macht natürlich Spaß“, sagt Draisaitl. „Ebenso kann man aber auch als Stürmer ein gewisses Level an Ehrgeiz, vielleicht sogar Stolz, für Defensivaktionen entwickeln. In dem Bereich habe ich in den letzten Jahren auch definitiv noch dazugelernt. Wenn am Ende zwei vereitelte Torchancen für die Gegner den Sieg sichern, ist das ohnehin wichtiger. Der Mannschaftserfolg steht über allem.
Hier sind die Oilers klar auf Play-off-Kurs. Bei den Wettanbietern ist Edmonton inzwischen Topfavorit auf den Stanley Cup – Quote 6:1. „Leon spielt auf einem ähnlichen Level wie in seiner MVP-Saison“, lobt Teamkollege Connor McDavid (28).

