Der frühere Tennis-Profi Nicolas Kiefer ist sechs Marathon Majors gelaufen. Am 31. August startet er beim neu eingeführten siebten Major in Sydney. Wie er zum neuen Sport kam, wie er trainiert und was er über die neuen Stars Jannik Sinner (24) und Carlos Alcaraz (22) denkt.

SPORT BILD: Herr Kiefer, Sie waren die Nummer vier der Tennis-Weltrangliste, haben auf der ATP-Tour sechs Turniere gewonnen und Silber bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen. Dann haben Sie eine zweite Sportkarriere gestartet: Sie sind alle sechs World Marathon Majors gelaufen und nun ein „Six Star Finisher“. Wie kam es dazu?

Nicolas Kiefer: Im Tennis gibt es die vier Grand Slams, beim Laufen die sechs Majors: Berlin, London, New York, Chicago, Tokyo und Boston. Alle Grand Slams gespielt zu haben und alle Majors zu laufen: Das war eine coole Herausforderung! Mein Ziel war das zu Beginn aber gar nicht.

Wie ging es los?

2010 habe ich meine Tennis-Karriere beendet. Einen Marathon wollte ich immer einmal ausprobieren, deshalb habe ich mich 2012 in meine Heimatstadt Hannover gewagt und wurde vom Veranstalter eingeladen. Meinen ersten Marathon habe ich knapp unter 3:40 Stunden geschafft – und danach war ich gar nicht so kaputt.

Kiefer spielte von 1995 bis 2010 auf der Tennis-Tour. Seine höchste Platzierung erreichte er 2000: Nr. 4 der Welt

Foto: WITTERS

Und dann?

2013 bin ich erneut in Hannover an den Start gegangen: meine Bestzeit mit 3:28:20. Danach ging vier Tage nichts mehr, und ich habe mir gesagt: „Nie wieder! Wozu sich noch einmal so quälen?“ Aber irgendwie hatte ich doch Blut geleckt. Und wollte nach dem Heimspiel noch einen der großen Marathons laufen. 2019 bin ich in Berlin unter 4 Stunden geblieben – und der Lauf war Adrenalin pur. Die Stimmung an der Strecke, der Nervenkitzel, dieses an die Grenze gehen. Das war der Start meiner Serie: 2022 bin ich in London und New York gelaufen, 2023 in Tokyo und Chicago, 2024 habe ich dann Boston geschafft …

Kiefer mit seiner Boston-Medaille und der Six-Star-Finisher-Medaille

Kiefer mit seiner Boston-Medaille und der Six-Star-Finisher-Medaille

Foto: Privat

Bei Instagram haben Sie geschrieben: „Der größte Tag meiner Läufer-Karriere“. War es auch der schönste Lauf?

Kann man bei einem Marathon von „schön“ sprechen? (lacht) Das Glücksgefühl, das Adrenalin, die Erleichterung im Anschluss, das war jedes Mal gleich. Aber Boston war für mich der schlimmste Lauf. Nach hinten raus musste ich an meine Grenzen gehen, weil ich zu schnell gestartet bin. Zum Glück habe ich es dann gerade so unter vier Stunden geschafft. Ich glaube schon, dass mir mein Tennissport geholfen hat. Ich bin immer über den Kampfgeist gekommen. Im Ziel hat meine Frau Anna gewartet. Ich hatte Tränen in den Augen, als ich sie dort stehen sah. Nur: Wenig später kam die Hiobsbotschaft, dass aus den sechs Majors sieben werden. Am 31. August werde ich nun in Sydney starten.

Kiefer wurde zum sechsten Major von seiner Anna begleitet

Kiefer wurde zum sechsten Major von seiner Anna begleitet

Foto: Privat

Schlaucht ein Marathon mehr als ein Tennis-Finale?

Beim Marathon kann ich die Dauer selbst bestimmen: Ich könnte ihn in zweieinhalb Stunden laufen – aber dafür ist mein Körper nicht gemacht. Am Ende sind es verschiedene Welten, allein die Atmosphäre, das Drumherum. Beim Tennis wusste ich, was passieren kann. Beim Marathon weiß ich nicht, wie mein Körper ab Kilometer 30 reagieren wird. Nach einiger Zeit kommt immer die Frage: „Warum machst Du das überhaupt?“ Dann hangle ich mich mit Zwischenzielen von Kilometer zu Kilometer.

Sie sind Experte und Botschafter von Robinson, haben die Turnier-Serie NK 4 gegründet, haben eine eigene Mode-Kollektion, engagieren sich für die Aktion Kindertraum e.V. – wie viel Zeit bleibt da fürs Lauftraining?

Ich trainiere zweimal die Woche. Mal Tempoläufe, mal Intervalltraining – zuletzt während der Camps im Robinson Pamfilya in der Türkei bei 40 Grad auf dem Laufband und am Strand. Zu Hause laufe ich zwischen einer bis drei Stunden.

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Es gibt aktuell Nachwuchssorgen im deutschen Tennis. Hinter Sascha Zverev und nach der Karriere von Angelique Kerber drängt sich kaum jemand auf.

Da kommt tatsächlich lange nichts.

Was muss sich ändern?

Viel! Brauchen wir noch die Leistungszentren? Warum fahren unsere besten Trainer nicht zu den besten Spielern nach Hause, wie es in Italien seit Jahren gehandhabt wird? Wir hingegen reißen die Kinder aus ihren Familien, ihrer Schule, ihrem Umfeld. Man muss sich nur die Weltrangliste anschauen. Es stehen bei den Männern neun Italiener unter den ersten 100 – und nur zwei Deutsche.

Wer ist für Sie der aktuell beste Tennisspieler der Welt?

Der beste Spieler ist die Nummer 1 der Welt, Jannik Sinner. Der kompletteste Spieler ist für mich Carlos Alcaraz. Danach kommt eine kleine Lücke, dann Sascha Zverev, Taylor Fritz etc. sehe ich dahinter. Ich persönlich vermisse ein wenig die heißen Schlachten zwischen Federer, Nadal und Djokovic. Aber ich muss auch sagen: Wenn ich Alcaraz und Sinner wie zuletzt im Finale der French Open in Paris oder im Wimbledon-Finale sehe – das ist unglaubliches Tennis.

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