Unsere Handball-Riesen kämpfen bei der Weltmeisterschaft am Mittwoch gegen Portugal (20.30 Uhr, ARD) um den Einzug ins Halbfinale.

Vor dem Viertelfinale gegen das Überraschungsteam Portugal traf SPORT BILD den deutschen Kapitän Johannes Golla (27/Flensburg) zum Exklusiv-Interview.

SPORT BILD: Herr Golla, an diesem Mittwoch kämpfen Sie mit Deutschland gegen Portugal um den Einzug ins WM-Halbfinale. Was muss passieren, damit Deutschland gewinnt?

Johannes Golla (27): Das Ziel ist, eine Konstanz über mehr als zehn Minuten – am besten von Anfang an – aufs Spielfeld bringen. Es gab in jedem Spiel positive Dinge, die wir mitnehmen können. Mal waren es die Torhüter, mal war es eine bessere Abwehr, mal war es der Angriff. Bislang hat aber selten alles über 60 Minuten zusammengepasst. Und genau das brauchen wir gegen eine Mannschaft wie Portugal, die mit maximalem Selbstvertrauen kommt und individuell sehr stark ist.

Handball-WM 2025 – Alle Spiele LIVE auf Sportdeutschland.TV (Anzeige)

Wie sehen Sie Ihre eigene Leistung bei der Weltmeisterschaft?

Sie ist so wie bei der ganzen Mannschaft noch nicht am Limit. Ich finde aber, dass es in den Spielen, wo es wichtig war, gepasst hat.

Das letzte Spiel gegen Tunesien war Ihr 100. Länderspiel, Sie waren aber keine Sekunde auf der Platte. Das ist, als ob man zum runden Geburtstag einlädt und selbst nicht auf die Tanzfläche darf. Wie sehr hat das geschmerzt?

Wenn man sein hundertstes Länderspiel hat, will man auch spielen. Es dann nur von der Bank zu sehen, war natürlich ein bisschen seltsam. Zumal es auch mein erstes Länderspiel war, das ich 60 Minuten von der Bank verfolgt habe.

Durch die Passiv-Rolle beim Jubiläumsspiel sind Sie in den Luxus von fünf spielfreien Tagen gekommen. Der Mannschaftsarzt des TVB Stuttgart sagt kürzlich, dass sich Handballer am Morgen nach dem Spiel wie nach einem Verkehrsunfall fühlen. Wie oft hatten Sie dieses Gefühl schon bei dieser Weltmeisterschaft?

Ich hatte zum Glück noch nie einen Autounfall. Aber ich merke diese Spiele im Verein extrem. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber die Spiele bei der Nationalmannschaft hinterlassen weniger Spuren als die im Verein. Vielleicht liegt es daran, dass man keine Reisen hat. Aber natürlich spüre ich auch diese Spiele.

Die Handball-Mannschaft, die seit Jahren alles überstrahlt, ist Dänemark. Was macht die Dänen so stark, warum sind die so gut?

Erst mal haben sie individuell die beste Mannschaft. Die Franzosen können, was Feldspieler angeht, vielleicht mithalten. Dazu haben sie auch noch einen der drei besten Torhüter der Welt (Emil Nielsen; d. Red). Da ist eine Ansammlung von Spielern, die diese Qualität und das maximale Selbstvertrauen haben. Und die es genießen, Handball zu spielen. Man merkt bei den Dänen kaum Abnutzung, Ermüdung. Da hat jeder Bock, egal gegen welchen Gegner, 60 Minuten auf dem Spielfeld zu stehen und alles zu geben. Und sie haben mit Mathias Gidsel gerade den Spieler auf der Welt, der da vorangeht, der all das verkörpert. Und der durch seine Art, Handball zu spielen, eine Mannschaft um eine Klasse besser macht.

Hier Halleluja gucken: Völlig verrückt! Plötzlich klebt der WM-Ball fest

Plötzlich klebt der Ball fest: Das verrückteste Nicht-Tor der Handball-WM

Quelle: BILD/Sportdeutschland.TV/Dyn/Instagram/X

Sehen Sie sich auf einem guten Weg, das bei der Heim-WM 2027 ähnlich gestalten zu können?

Mein Gefühl ist, dass wir noch viele Schritte nach oben gehen können, was Qualität und Erfahrung angeht. Aber wir werden trotzdem anderen Handball spielen. Wir werden immer über die Emotionen kommen müssen. Wir sind keine Mannschaft, die mit so einem Selbstverständnis rangehen kann und weiß, normalerweise, wenn die Welt nicht zusammenbricht, gewinnen wir heute hier. Wir werden diese Emotionen im Spiel brauchen, eine stabile Abwehr, unsere Torhüter – und daraus müssen wir ins Tempo kommen und den Flow mitnehmen.

Sie haben mit Uscins, Fischer, Grgic, Späth, Lichtlein viele Youngster im Kader, die noch am Beginn ihrer Karriere stehen. Wie blicken Sie auf die Heim-WM 2027, ist da Ähnliches oder noch mehr möglich als im Vorjahr bei der Heim-EM?

Das Halbfinale bei der EM 2024 war der erste Erfolg in dieser Konstellation seit Langem. Das erste Halbfinale seit 2019. Deswegen war das ein Riesenerfolg und so eine Art Startschuss für das, was danach kommt. Und auch für ein gesteigertes Selbstvertrauen, welches wir jetzt gerade haben. Die Hoffnung und das Ziel ist, dass wir 2027 weiter sind. Dass wir die Qualität und den Anspruch an uns selbst sowie das Selbstvertrauen haben zu sagen: Das ist unser Heimturnier, wir wollen ins Halbfinale und können das aus eigener Kraft an normalen Tagen schaffen.

Sind Uscins, Fischer, Grgic und Späth die jungen Stars, wie wir sie im Fußball gerade mit ­Musiala und Wirtz haben?

Ich mag die Fußballvergleiche nicht so gern, aber man kann schon sagen, dass die Konstellationen ähnlich sind. Beide Mannschaften wachsen noch viele Jahre zusammen. Was auch vergleichbar ist, dass die Leute, die beim Fußball und bei uns dazukommen, mit einem ganz anderen Selbstvertrauen ausgestattet sind, als wir das damals waren. Sie spielen in der Bundesliga eine gute Rolle und machen das hier nahtlos weiter. Sie können sich so bewegen, wie sie das wollen. Und deshalb kriegen wir vergleichsweise viel mehr raus von den jungen Leuten im Vergleich zu früher.

Um trotzdem beim Fußball zu bleiben. Vergangene Woche hat SPORT BILD eine Gehaltstabelle des DHB-Teams veröffentlicht. Demnach verdienen Sie im Monat ungefähr so viel wie der nach Manchester gewechselte Omar Marmoush am Tag, rund 46.000 Euro. Wären Sie in Ihrem nächsten Leben gern Fußballprofi?

Nein. Dass jeder Geld verdienen muss, um seiner Familie und sich ein sicheres und möglichst schönes Leben zu ermöglichen, steht außer Frage. Aber ich weiß es ganz gut einzuschätzen, dass wir hier Handball spielen, was wir am Ende verdienen und wie gut es uns damit geht. Deswegen bin ich sehr dankbar für die Position, in der ich bin, und für das Gehalt, welches ich mit meinem Traumberuf verdienen kann. Was im Fußball gezahlt wird, das rechtfertigt auch die Position in der Öffentlichkeit. Ich würde da nicht tauschen wollen. Ich kann mir vorstellen, unter welchem Druck, unter welcher Öffentlichkeit die Jungs stehen und manchmal leiden. Deswegen sind wir in unserer Handball-Bubble ganz gut aufgehoben.

Lustigstes WM-Interview: Handball-Profi schmettert ein Ständchen

Teaser-Bild

Quelle: DYN

ttn-36