In ihrem ersten Heimspiel für ihren neuen Klub gab es einen Sieg: Stina Johannes (25) gewann mit dem VfL Wolfsburg gegen Carl Zeiss Jena mit 3:1. Die Torhüterin gehört zu den größten Hoffnungsträgerinnen des deutschen Frauenfußballs und setzt alles auf Erfolg. Wie sehr, zeigte sie SPORT BILD beim Besuch bei sich zu Hause.

SPORT BILD: Frau Johannes, warum haben Sie sich in Ihrer Wohnung ein Fitnessstudio mit einigen Geräten eingerichtet?

Stina Johannes: Ich habe eine große Leidenschaft für Krafttraining, und so bin ich unabhängig. Ich möchte so professionell sein wie möglich. Ich versuche, alles zu optimieren. Ich bin durch dieses Training noch robuster und athletischer geworden, in Luft-Zweikämpfen präsenter. Und Krafttraining macht mir Spaß.

Wie kam es dazu?

Ich hatte 2018 einen Schien- und Wadenbeinbruch. Danach fing es an. Als ich nach Frankfurt kam, habe ich richtig Gas gegeben, um mit den Nationalspielerinnen mitzuhalten. Zudem hatte ich Rückenschmerzen. Ich habe meinen Oberkörper so stark gemacht, dass ich keine Probleme mehr hatte. Danach kam die Motivation, weitere Muskelgruppen zu trainieren, damit ich beispielsweise einige Zentimeter höher springen kann, um die Bälle zu halten.

Wie oft trainieren Sie individuell?

In Abstimmung mit dem Mannschaftstraining meistens alle zwei Tage. Durch das Krafttraining bin ich selbstbewusster und mutiger geworden. Deshalb pumpe ich vor Spielen auch mal: Ein kraftvoller Körper macht was mit mir und den Gegenspielerinnen. Aber ich muss auch sagen: Ich liebe es, mich im Gym zu quälen.

Stina Johannes in ihrem privaten Fitnessstudio

Foto: Christian Spreitz/BILD

Haben Sie Spezialisten dafür?

Ja, ich habe einen Trainer. Ein Cross-Fitter, eine richtige Maschine. Ich würde das Team auch gern irgendwann noch um weitere Experten erweitern – für Ernährung zum Beispiel.

Sie haben auch einen Mentaltrainer. Seit wann?

Ich hatte meine schwere Verletzung erwähnt. Ich war 18 Jahre alt, wollte unbedingt Bundesliga spielen, habe dafür sogar einen Platz an der Harvard University abgesagt. Dann diese Verletzung. Es war alles kaputt. Mein Fuß sah aus wie der von Jamal Musiala nach seiner jüngsten Verletzung. Es war ein großer Schock. Es gab Ärzte, die meinten, das war es mit Fußball. Ich hatte die Gedanken nicht, aber ich habe mit einem Psychologen gearbeitet.

Was hat er Ihnen beigebracht?

Schon wenige Tage nach der Verletzung hat er mich in eine Trance versetzt. Ich hatte das Bild von meinem Fuß, der im 70-Grad-Winkel von meinem Bein abstand, immer vor Augen. Ich hatte immer Angst, dass das Bein bei der nächsten Landung durchbricht. Mein Mental-Coach hat mich gefragt, was ich damit assoziiere, was unzerstörbar ist. Ich meinte: Stahl. Also sollte ich mir vorstellen, mein Unterschenkel sei ein massiver Laternenpfahl. So habe ich wieder Sicherheit bekommen. Aber wir haben viele Themen bearbeitet: Druck, Nationalmannschaft, auch mal Familiäres. Es geht immer darum, bei sich selbst zu bleiben, in mir zu ruhen, die Liebe zu sich selbst zu bewahren.

Stina Johannes im Gespräch mit SPORT BILD-Reporter Robert Schreier

Stina Johannes im Gespräch mit SPORT BILD-Reporter Robert Schreier

Foto: Christian Spreitz/BILD

Warum sind Sie zu dieser Saison aus Frankfurt nach Wolfsburg gewechselt?

Es war eine schwierige Entscheidung. Beide Vereine haben sich sehr bemüht, ich hatte Gespräche mit den Geschäftsführern Markus Krösche und Peter Christiansen. Als ich mich entschlossen hatte, war die Eintracht noch Tabellenführer und Wolfsburg Dritter. Aber ich sehe beim VfL die größere Chance, mich sportlich und persönlich weiterzuentwickeln, weil der Verein hochprofessionell ist, eine klare Philosophie und die höchsten Ambitionen hat. Ich möchte Titel gewinnen. Aber wichtiger, als einen Pokal in der Hand zu halten, ist die Einstellung, in die Saison zu gehen und solch hohe Ziele zu haben. Ich möchte nicht an weniger denken, als jedes Spiel zu gewinnen. Ich möchte diesen Druck als Alltag.

Kann Wolfsburg die Bayern angreifen, die dreimal in Folge Meister waren?

Wir haben die Qualität im Kader, Bayern herauszufordern. Aber es sind sehr viele Spielerinnen und der Trainer neu. Wir waren in den ersten Wochen noch quasi Fremde auf dem Platz. Die Abläufe brauchen Zeit, um Bayern zu überholen.

Welche Ziele haben Sie in der Nationalmannschaft?

Ich möchte die beste Torhüterin werden, die ich sein kann. Ich bin noch lange nicht am Zenit, der Prozess wird noch eine Weile dauern. Mein Ziel ist es, bei der WM 2027 die Nummer eins zu sein. Darauf arbeite ich hin.

Kopfball geht daneben: Pool-Panne von Alisha Lehmann

Teaser-Bild

Quelle: Instagram @alishalehmann7/@comowomen/@ramona__ramirez

Welchen Effekt hat die EM, bei der Deutschland knapp im Halbfinale ausgeschieden ist?

Wir hatten einen größeren Umbruch. Aber die Mannschaft ist bei der EM sehr zusammengewachsen. Wenn man sich das Alter der Spielerinnen anschaut, kann das der Kern der nächsten zehn Jahre werden. All die Spielerinnen werden noch besser. Wir haben eine super Basis für die Zukunft.

Wie spüren Sie die wachsende Popularität des Frauenfußballs?

Ich habe 2006 das Sommermärchen miterlebt. Danach wollte ich unbedingt Fußball spielen. Und ich wollte auch sehr schnell ins Tor. Das hat mich immer gereizt. Ich bin aus Hannover und habe lange auf ein Trikot von 96 gespart. Ich habe mir ein Männer-Outfit Größe S gekauft. Die Hose habe ich in jeder Sportstunde getragen, und ich habe sie heute noch. Später hatte ich ein Torwart-­Trikot von Robert Enke. Aber es gab kaum sichtbare Fußballerinnen als Vorbilder. Jetzt kommen junge Menschen in unseren Trikots ins Stadion. Wir können vor allem junge Mädchen inspirieren und ihnen zeigen, dass sie alles erreichen können, auch wenn sie es sich vielleicht nicht zutrauen.

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