Hochdekorierter Frack aus exquisiter weißer Seide, Stickerei-verzierte weiße Hose, Baskenmütze mit Brosche, glitzernde Schnallenschuhe – der Look eines authentischen Dandys…

Weltstars aus Mode, Musik, Film, Sport und Kunst waren sich einig: Lewis Hamilton (40) schwebte als bestgekleideter Mann durch eines der extravagantesten Events der Mode-Branche. Der siebenmalige Formel 1-Weltmeister als Mit-Gastgeber der wohl exklusivsten Kostüm-Party in der Metropolitan New York.

Schwer vorstellbar, wie sich Hamilton nach diesem rauschenden Fashion-Festival inmitten von Musik-Ikonen wie Rihanna, Beyoncé, Lady Gaga, A$AP Rocky, Hollywood-Größen Colman Domingo, Blake Lively oder Musik-Gigant Pharrell Williams (trug Sakko aus 15.000 Perlen) neben – das ist nicht zynisch oder böse gemeint, wirklich nicht! – Ferrari-Teamchef Fred Vasseur (57) ein paar Tage später über Frontflügel und steife Hinterachse unterhält.

In einem roten Ferrari-Shirt.

Und hier, in diesen Gegensätzen, erklärt sich der Stotter-Start des Formel 1-Königs bei Ferrari. Es sind nicht die aufgeheizten Funksprüche von Miami (‚Wen soll ich noch vorbeilassen?‘), er braucht auch keine – wie er es selbst nannte – „Gehirnamputation um das Auto zu verstehen“.

Nein, es ist dieses Lebens-Karussell in seinem Kopf, das Lewis Hamilton einbremst: „Wo geht meine Reise hin?“

Bleibt sie in der Formel 1? Noch zwei Jahre (wie der Vertrag)? Schluss nach diesem Jahr? Was kommt danach?

Musik? Mode? Hollywood?

Hamilton in seinem Ferrari

Foto: AP

Gerade hat seine vegane Burger-Kette pleite gemacht.

Nach vielen Interviews und Einblicke in seine Seele bin ich mir sicher: Lewis Hamilton hat sich als Fahrer bei seinem Wechsel zu Ferrari ÜBERschätzt und Ferrari als eigenwilliges Team UNTERschätzt. Deshalb wundert es mich nicht, dass ER sich über seine Anfangsprobleme in Maranello wundert – genau wie viele andere auch.

Der durchaus feinfühlige und sensible, gleichzeitig schnellste Tausendsassa der Welt (hat schon weit über 100 Songs geschrieben, seine eigene Modekollektion bei Tommy Hilfiger) spürt nach den ersten Monaten: „Es wird schmerzhaft.“ Diese ehrliche Selbsterkenntnis ehrt ihn.

Lewis Hamilton merkt gerade, dass sich zwischen seinen eigenen Ansprüchen und denen an Ferrari ein schwarzes Loch auftut. Eine Verwirbelung aus Enttäuschung und Frustration.

Er hätte wissen müssen, dass sich in Maranello nicht alle auf die Knie werfen, wenn er nach zwölf Jahren vom glitzernden Mercedes-Stern (sechs WM-Titel) plötzlich aufs rote Pferd springt. Das falsche Pferd.

Wenn einer aus diesem Ferrari-Duo Weltmeister werden sollte, dann Charles Leclerc, nicht Lewis Hamilton

Er hätte wissen müssen, dass ihn von deutsch-englischen Präzisions-Abläufen bei Mercedes eine, sagen wir einfach nur mal, typisch italienische Mentalität entgegenweht (Stichwort: „Sie sind wieder da! Die Boxen-Trottel von Ferrari: Mamma mia! Wo ist quattro?“/BILD-Schlagzeile 2011 nach einem verpatzten Reifenwechsel).

Er hätte wissen müssen, dass Ferrari nicht nur Italienisch spricht, sondern in Maranello eine eigene Ferrari-Kultur herrscht. Da sprießen Eifersüchteleien und der eine schießt mal gerne gegen den anderen. Ex-Teamchef Mattia Binotto (56, jetzt Audi) könnte aus seinen 27 Ferrari-Jahren (1995 bis 2022) einiges erzählen. Sebastian Vettel (37) nach seinen sechs Jahren (2015 bis 2020) auch.

Hamilton (l.) beim Gespräch mit Ferrari-Teamchef Vasseur in Miami

Hamilton (l.) beim Gespräch mit Ferrari-Teamchef Vasseur in Miami

Foto: EPA

Er hätte wissen müssen, dass sie ihren Zögling Charles Leclerc (27) nicht fallen lassen. Nicht für ihn. Nicht für irgendeinen. Auch nicht für einen siebenmaligen Champion. Wenn einer aus diesem Ferrari-Duo Weltmeister werden sollte, dann Charles Leclerc.

Ferrari wird nichts tun, um Hamilton zum nächsten Ferrari-Weltmeister zu machen. So wenig wie sie es 1999 nach Schumachers Beinbruch mit Teamkollege Eddie Irvine taten, als der plötzlich auf Titelkurs war. So tickt nun mal Ferrari.

Er hätte wissen müssen, dass der Ferrari eher für den Fahrstil von Leclerc gebaut ist, der sich von seinem unterscheidet. Da helfen auch die bisherigen Veränderungen an seinem Renner nicht. Man kann aus einem Ferrari keinen Mercedes machen. Und schon dort ließ Hamilton, als es in den letzten zwei Jahren nicht mehr wie am Schnürchen lief, das Auto an den Wochenenden häufiger umbauen. Was, wie wir wissen, nichts brachte.

So wenig wie der spektakulärste Wechsel des erfolgreichsten Formel 1-Fahrers zum berühmtesten Rennstall. Vielleicht brachte Hamilton bei Ferrari sogar mehr Unruhe als Titelhoffnungen rein. Mit dem schnellen, aber pflegeleichten Carlos Sainz neben Leclerc hamsterte Ferrari in der letzten Saisonhälfte die meisten WM-Punkte aller Teams und verpasste die Konstrukteurs-WM nur um 14 Punkte hinter McLaren.

Erster Erfolg nach 6 Jahren: Formel-E-Märchen in Monaco

Teaser-Bild

Quelle: RedBull Media

Jetzt dümpelt Ferrari hinter McLaren (246 Punkte), Mercedes (141), Red Bull (105) mit 94 enttäuschenden Zählern nur auf dem vierten Rang in der Konstrukteurswertung. Aber hat mit einem siebten Platz von Hamilton bei den Fahrern (sieben Zähler hinter Mercedes-Jungfuchs Antonelli!) weltweit mehr und größere Schlagzeilen als mit einem Sieg von Leclerc oder einem zweiten Rang von Sainz.

Aus Marketing- und kommerzieller Sicht ist der Tausch Sainz/Hamilton aufgegangen. Aus sportlicher nicht. Das wird vermutlich so bleiben.

Die Probleme scheinen, von beiden Seiten, erkannt. Die Lösungen, im Wortsinn, in den Sternen…

Ich denke gerade an das Motto von Hamiltons mitorganisierter Mode-Gala in der großen New Yorker Metropolitan: ‚Tailered for you‘, zu Deutsch: ‚Maßgeschneidert für dich.‘ Er hätte sich das wohl lieber für seinen Ferrari gewünscht.

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