Als Frank Baumann (49) am vergangenen Sonntag als neuer Sportvorstand bei Schalke 04 vorgestellt wurde, drehten sich die Gespräche im Medienraum vor der Pressekonferenz weniger um den Zweitligisten, sondern eher um den Erzrivalen aus dem Ruhrpott. Was denn beim BVB los sei, hörte man immer wieder. Es folgten Witze, dass Schalke aufpassen müsse, die Vormachtstellung als Chaos-Klub nicht zu verlieren.
Der Machtkampf, der dem BVB ins Haus steht, ist höchst brisant.
Der Plan war eigentlich klar: Reinhold Lunow (71), der aktuelle BVB-Präsident, sollte bei der Mitgliederversammlung im November abtreten und den Weg für den Chef der Geschäftsführung, Hans-Joachim Watzke (65), frei machen. Dann kam die überraschende Wende. Und das Chaos für den BVB.
Lunow möchte nun doch wieder kandidieren – und Watzke damit aus dem Verein drängen. Auch Marketing-Boss Carsten Cramer (56) soll nach einem möglichen Lunow-Sieg aufs Abstellgleis gestellt werden. Zum Team Lunow gehört unter anderem Jakob Scholz (Vorstand der Fan- und Förderabteilung), der großen Einfluss auf die organisierte Fanszene haben soll.
Ein Sieg des derzeitigen Präsidenten würde einen Umsturz bedeuten. Dass er die erforderlichen Klub-Gremien (Beirat und Wirtschaftsrat) sowie Wahlleiter Dr. Winfried Materna über seine Absicht zur Kandidatur informierte, überrumpelte die derzeitigen Bosse – was folgende Vorgänge unterstreichen:
Als Lunow im November 2022 die Nachfolge von Ex-Präsident Reinhard Rauball (78) antrat, soll es eine mündliche Vereinbarung zwischen ihm und Watzke gegeben haben, die besagte, dass Watzke das Präsidenten-Amt übernehmen könne, wenn er als Geschäftsführer aufhört. Die Vereinbarung war nach SPORT BILD-Informationen noch deutlich konkreter. So hat Lunow zu Beginn dieses Jahres dem Wahlleiter Materna schriftlich mitgeteilt, dass er nicht mehr antreten werde. Materna informierte die Gremien kurz darauf über dieses Schreiben.
Im Frühjahr dieses Jahres war von einem Bruch zwischen Lunow und Watzke noch nichts zu spüren. Im Gegenteil: Lunow soll Watzke sogar angeboten haben, seinen Vertrag als Geschäftsführer nochmals zu verlängern. Watzke sagte ab. Infolgedessen soll Lunow angeboten worden sein, dass er Watzkes Vize-Präsident werden könne.
Ein großer Streitpunkt, der nun gegen Watzke verwendet wird: der Sponsoring-Deal mit dem Rüstungshersteller Rheinmetall, den der Klub im Mai 2024 öffentlich machte. Schon bei der vergangenen Mitgliederversammlung betonte Lunow: „Man hat gesehen, dass der Rheinmetall-Weg nicht richtig war.“ Dabei hatte er vor Abschluss des Deals bei zwei Treffen der Gremien für die Partnerschaft gestimmt. Bei den beteiligten Personen herrscht Verwunderung, warum Lunow damals keine kritischen Nachfragen stellte, wenn er doch nun so große Zweifel habe. Mehr noch: Lunow soll bei den damaligen Treffen sogar pro Rheinmetall argumentiert und auf die aktuelle Weltlage (Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine) verwiesen haben.
SPORT BILD fragte Watzke nach einer Stellungnahme. Der BVB-Boss sagt: „Es ist das gute Recht von Reinhold Lunow zu kandidieren, auch wenn ich überrascht war. Ich werde in den kommenden sechs Monaten definitiv kein schlechtes Wort über ihn verlieren, wir beide waren viele Jahre gut befreundet. Ehrlich gesagt fühle ich mich ihm und seiner Familie immer noch verbunden.“
Umso mehr drohen die kommenden Monate zur Zerreißprobe zu werden.

