Am 24. Februar 2022 startete Russlands Diktator Wladimir Putin (72) den Angriffskrieg auf die Ukraine. Unzählige Menschen verloren ihr Leben, Städte und Dörfer wurden zerstört. Betroffen ist auch der Fußball in dem Land, das 2012 gemeinsam mit Polen noch Ausrichter der Europameisterschaft war. Damals führte Andriy Shevchenko (48), der größte Fußballer der Ukraine, die Nationalmannschaft als Kapitän aufs Feld. Heute ist der ehemalige Weltstar, der unter anderem für den AC Mailand und den FC Chelsea spielte, Präsident des Fußball-Verbandes seines Heimatlandes und Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj (47).

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SPORT BILD besuchte ihn vergangene Woche in Kiew zum Interview. Shevchenko lud in die Verbands-Zentrale ein. Dort hat er ein rund 70 Quadratmeter großes Büro. Um hineinzukommen, muss man durch zwei 20 Zentimeter dicke braune Türen, was an Agenten-Filme erinnert. Aus dem Amtszimmer-Fenster ist ein Krankenhaus zu sehen, in dem derzeit zahlreiche Kriegsopfer behandelt werden.

SPORT BILD: Herr Shevchenko, wie haben Sie den Angriffskrieg Russlands vor drei Jahren erlebt?

Shevchenko: Es gab zahlreiche Warnhinweise, dass es zu einer Invasion Russlands in unserem Land kommen könnte. Auch der US-Geheimdienst hatte solche Informationen. Ich konnte das aber nicht glauben. Doch dann rief mich meine Mutter am 24. Februar an.

Sie waren zu der Zeit in London.

Richtig, es war frühmorgens, und sie erzählte von Detonationen, dass das Fernsehen über Raketen-Einschläge berichten würde. Es war ein so großer Schock für mich, es war der schlimmste Tag in meinem Leben. Doch es blieb nicht viel Zeit. Ich musste mich um meine Mutter und den Rest der Familie kümmern. Aber für mich war auch schnell klar: Wir müssen unser Land retten.

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Quelle: BILD

Was haben Sie unternommen?

Meine Aufgabe bestand vor allem darin, für humanitäre Hilfe zu sorgen, Gelder für Krankenhäuser und Veteranen zu sammeln. Ich trat darüber hinaus viel in der Öffentlichkeit auf, um aufgrund meines Bekanntheitsgrades als ehemaliger Fußballer für mein Land zu werben. Seit einem Jahr bin ich nun Verbandspräsident. Und ich stelle fest: Auch der Fußball hat in so schlimmen Zeiten einen massiven positiven Einfluss auf unsere Gesellschaft.

Inwiefern?

Er vereint die Menschen, sorgt für Ablenkung, es ist eine Art Therapie für sie. Der Fußball ist eine Art Gegengewicht zu den Ängsten. Er ist ein Symbol der Stärke, das die Menschen ermutigt weiterzumachen. Es ist gleichzeitig eine Möglichkeit der emotionalen Entladung und eine Quelle der Energie. Darum ruhte zum Beispiel die Liga nur für wenige Monate, selbst wenn nur wenige Menschen ins Stadion gehen konnten und Spiele unterbrochen werden mussten, weil Raketen-Alarm herrschte und Spieler sowie Fans in den Luftschutzkeller mussten. Oder insgesamt 77 Stadien und 500 Sportanlagen zerstört wurden.

Shevchenko erklärt Reporter Rumpf (r.)in seinem Büro die Folgen des Angriffs der Russen auf die ­Ukraine. Hinten an der Wand ist ein Foto des ersten EM-Spiels der Ukraine 2012 in Kiew zu sehen

Shevchenko erklärt Reporter Rumpf (r.) in seinem Büro die Folgen des Angriffs der Russen auf die ­Ukraine

Foto: Dan Balashov

Wie wichtig war für die Ukraine die EM-Teilnahme 2024 in Deutschland?

Sehr wichtig, es hat eine ganze Nation stolz gemacht. Wir waren ein Teil von Europa, unsere Nationalmannschaft hatte die große Bühne.

Welches Bild aus dem Krieg hat sich bei Ihnen besonders eingebrannt?

Es sind viele: Ich reiste zur Ostfront und sah die Zerstörung der Städte, der Infrastruktur. Was der Krieg mit den Menschen insbesondere seelisch gemacht hat, ist ganz schlimm. Niemals werde ich vergessen, wie ich dort nahe von Dnipropetrowsk ein Krankenhaus besuchte und Kinder sah, die keine Arme oder Beine mehr hatten, weil sie Opfer von Streubomben geworden waren, deren Einsatz laut der UN verboten sind. Das macht einen fassungslos. Aber Ukrainer geben niemals auf.

Der neue US-Präsident Donald Trump hat eine schnelle Friedenslösung angekündigt. Was erwarten Sie von ihm?

Er ist ein Mann mit enorm viel Einfluss. Wichtig ist aus meiner Sicht: Es muss in unserem Interesse gehandelt werden, darum muss die Ukraine bei jeder Friedensverhandlung am Tisch sitzen.

Einen Nato-Beitritt schließt Trump aus. Wie wichtig wäre für die Ukraine ein EU-Beitritt?

Wir wollen Teil der Europäischen Union sein, das ist der Wunsch nach der Unabhängigkeit 1991. Sie können mit den Menschen in der Ukraine sprechen: Sie fühlen sich der EU zugehörig. Aber natürlich wissen wir, dass wir dafür viel arbeiten müssen.

Wie bewerten Sie die Unterstützung Deutschlands?

Deutschland hat viel für uns getan. Ich hoffe, die Unterstützung wird auch nach der Bundestagswahl weiter so groß sein. Und was den Fußball betrifft: Es gab Freundschaftsspiele gegen Deutschland in Bremen und Nürnberg, und wir führen auch Programme mit dem DFB durch, um Kindern zu helfen. Uns wurde die Tür geöffnet.

Ukraines Nationalmannschaft trägt seit Kriegsbeginn alle Heimspiele aus Sicherheitsgründen im Ausland aus – zum Beispiel in Polen. Kommt für Sie auch Deutschland als Spielort in Betracht?

Wir möchten bei unseren Spielen so viele ukrainische Fans wie möglich haben. Und ich weiß, dass es in Deutschland eine große ukrainische Community gibt. Darum ist Deutschland natürlich ein Thema.

Die Fifa und die Uefa bleiben beim Russland-Bann, bei anderen Sportverbänden bröckelt die Brandmauer. Haben Sie Sorge, dass die Russen zum Beispiel bei den Olympischen Winterspielen in Mailand/Cortina 2026 schon wieder am Start sind?

Ich finde die Position der Uefa und Fifa richtig. Und ich bin dagegen, dass Russland bei anderen Veranstaltungen dabei sein darf.

Sollte es zum Frieden kommen: Wäre es seitens der Uefa ein gutes Signal des Aufbruchs, der Ukraine schnell die Austragung eines Europapokal-Finales zu geben?

Natürlich wäre das ein unglaubliches Zeichen. Aber das müsste man ordentlich vorbereiten.

Wie finden Sie das neue Champions-League-Format?

Es gefällt mir, sorgt für viel mehr Spannung. Für die großen Vereine ist es viel schwieriger und weniger planbar geworden.

Im Sommer steht in den USA die Klub-WM an. Braucht es eine derartige Veranstaltung mit 32 Mannschaften während einer Sommerpause?

Ich habe viel Positives über die Klub-WM gehört. Und es garantiert den Vereinen wichtige Zusatz-Einnahmen. Außerdem muss man sich daran gewöhnen, dass sich der Fußball in Zukunft immer weiter ändern wird. Die Champions League wurde reformiert, die WM wird künftig mit mehr Teilnehmern durchgeführt. Es wird versucht, somit das ganze Fußball-System zu stabilisieren, es ist aus meiner Sicht der Schritt in die richtige Richtung.

Sie gehören zu den größten Stürmern aller Zeiten: Wie lautet Ihre Top 10?

Auf 1: Pelé. Dann folgen: Diego Maradona, Lionel Messi, Brasiliens Ronaldo, Cristiano Ronaldo, Marco van Basten, Gerd Müller, Alfredo Di Stéfano, Oleg Blokhin und Ferenc Puskas – alle waren auf ihre Art und zu ihren Zeiten herausragend.

Was halten Sie von Bayerns Harry Kane, der mit 21 Toren erneut die Bundesliga-Torschützenliste anführt?

Er ist brillant. Harry Kane ist ein sehr kluger Spieler, er hat einen unglaublichen Instinkt und einen sehr guten Abschluss, um Tore zu erzielen. Und er ist ein Anführer. Bayern kann sich glücklich schätzen, ihn zu haben. Genauso wie Jamal Musiala. Der Junge ist fantastisch, mit seinen schnellen Dribblings, seinem Potenzial.

Es heißt: Ende der 90er-Jahre wären Sie beinahe bei Werder Bremen gelandet. Was war dran?

Vielleicht wollte mich Bremen damals haben. Aber soviel ich weiß, wussten die Verantwortlichen bei Dynamo Kiew, welches Potenzial in mir steckte und sahen mich als Verkaufskandidaten zu einem größeren Klub. So kam es auch, als ich 1999 zur AC Mailand ging (Die Italiener zahlten rund 24 Millionen Euro Ablöse; d. Red.).

Abschließend: Kennen Sie die deutsche Geschichte vom „Wunder von Bern“?

Nein, nicht wirklich.

Deutschland wurde 1954 in der Schweiz sensationell zum ersten Mal Weltmeister – das sorgte nach dem zweiten Welt-Krieg für eine unglaubliche Aufbruchstimmung im Land. Wünschen Sie sich so etwas auch für die Ukraine?

Wir wünschen uns alle einen schnellen Frieden. Und dann müssen wir unser Land wieder aufbauen. Dabei bin ich mir sicher, dass der Fußball für eine Aufbruchstimmung sorgen wird. Denn die Menschen in unserem Land lieben Fußball. Und ich würde gerne sehen, dass die Stadien bei den Spielen der Nationalmannschaft mit Zuschauern gefüllt sind. Mein großer Wunsch ist es auch, eine Superstar-Mannschaft und große Fußball-Events in die Ukraine zu bringen.

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