SPORT BILD: Herr Undav, Sie fielen zuletzt zwei Monate aufgrund eines Muskelfaserrisses aus. Hat Ihnen Bayern-Star Joshua Kimmich auch einen Döner in die Reha geschickt – so wie er es bei Leipzigs Benny Henrichs getan hat?
Deniz Undav (28): Nein, das nicht. Von Jo und auch von Sandro Wagner habe ich aber viele Tipps bekommen. Sie haben mir gesagt, dass ich in der Reha auch auf die Kleinigkeiten achten soll, um in Zukunft lange fit zu bleiben.
Sie haben beim Comeback direkt getroffen. Haben Sie nach der Verletzung etwas geändert?
Nichts Grundsätzliches. Für mich ist in erster Linie die Frische im Kopf wichtig. Die hat mir zuletzt manchmal gefehlt, ich war müde. Das ist ein Punkt, an dem ich arbeiten möchte, um für die hohe Belastung noch besser gewappnet zu sein.
Manche Profis ernähren sich vegan, machen ein Höhentrainingslager oder tragen über Nacht eine Schlafbrille. Und Sie?
Jeder hat seine eigenen Methoden. Für mich ist wichtig: Wenn ich im Kopf frisch und mental stark bin, brauche ich das nicht. Ich esse ab und zu auch mal einen Döner, das brauche ich für meine Frische. Was das angeht, bin ich ein spezieller Typ.
Ihr Teamkollege Ermedin Demirovic beschäftigt für mehrere Tausend Euro im Monat einen eigenen Koch. Wie sieht es bei Ihnen aus?
Meine Frau (Tanja; d. Red.) kocht, wie es der beste Koch nicht hinbekommen würde. Das hat sie von mir und meiner Schwiegermutter gut gelernt (lacht). Sie weiß genau, was ich brauche, und ich weiß am Ende, dass es schmeckt. Das ist eine Win-win-Situation.
Seit August sind Sie Vater einer kleinen Tochter. Wie kurz sind die Nächte?
Es geht, weil sich meine Frau nachts um die Kleine kümmert. Dafür bin ich ihr dankbar. Unsere Tochter ist zum Glück sehr ruhig, kein Schreikind. Sie ist genauso entspannt wie der Papa (lacht).
Wie hat sich Ihr Leben durch die Geburt verändert?
Du hast plötzlich einen anderen Blick auf das Leben. Egal, wie schlecht es dir geht: Wenn du deine Tochter im Arm hast und siehst, wie sie dich anlächelt, vergisst du alles um dich herum. Ich denke jetzt schon daran, wie es sein wird, wenn ich sie in ein, zwei Jahren mit ins Stadion nehme und mit ihr über den Platz laufe. Zwei VfB-Strampler hat sie auch schon.
Apropos VfB: Wie zufrieden sind Sie mit der bisherigen Saison?
Für viele von uns ist es die erste Saison mit Dreifachbelastung. Dafür, finde ich, spielen wir eine ordentliche Saison. Wir wollen uns am Ende am liebsten wieder für das internationale Geschäft qualifizieren, weil wir in der Champions League Blut geleckt haben.
Wie sehr fehlt Ihnen Sturmpartner Serhou Guirassy, der zum BVB ging?
Ich habe zwei neue Sturmpartner bekommen, ich bin glücklich mit „Demi“ und Nick Woltemade und finde es auch überragend, wie die beiden zusammengespielt haben. Nick hat die Chance genutzt. Wir wussten alle, wie gut er ist. Ich bin froh, dass er so eine Entwicklung genommen hat.
Frans Krätzig ist nicht mehr da, die Leihe vom FC Bayern wurde abgebrochen. Er soll bei Mario Kart an der Konsole einer der Besten gewesen sein. Stimmt das?[–>
Ja, Frans war eindeutig der Beste. Jetzt ist er weg, weshalb ich Ata Karazor leider die Krone geben muss. Dann kommen Angelo Stiller und Fabian Bredlow. Dahinter wird es eng, das ist auch von der Tagesform abhängig. Wahrscheinlich würde ich mich auf die Vier setzen.
Auch während Ihrer Verletzung waren Sie nah dran am Team, fast eine Art Co-Trainer. Ist das ein Job, den Sie sich für die Zukunft vorstellen könnten?
Ich bin immer voll dabei. Egal, ob auf oder neben dem Platz. Ich denke schon, dass ich taktisch etwas vom Fußball verstehe. Die Jungs scherzen schon, dass ich nach meiner Karriere der Co-Trainer von Sebastian Hoeneß werde (lacht). Ich kann mir so etwas auf jeden Fall vorstellen, weil es mir viel Spaß macht.
Gibt’s in Ihrer Karriere eine Kabinenpredigt, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Sebastian Hoeneß macht das überragend. Aber auch die Ansprachen von Roberto de Zerbi in Brighton waren sehr gut, was Motivation angeht. Er hat manchmal Dinger rausgehauen, wo du dir als neuer Spieler denkst: Wow, was ist das! Damit hat er jeden Spieler gepackt.
Können Sie uns ein Beispiel verraten?
Das bleibt natürlich in der Kabine (schmunzelt).
Undav im Gespräch mit SPORT BILD-Reporter Felix Arnold. Der Nationalspieler kam direkt aus der Dusche nach dem Training in den Besprechungsraum im Klub-Zentrum und nahm sich 60 Minuten Zeit für das Interview
Wie tickt Bundestrainer Julian Nagelsmann?
Er achtet auf die Details. Seine Trainingseinheiten sind sehr intensiv. Er ist flexibel in seinem Spiel und macht auch mal Späße. Das gefällt mir.
Im März des vergangenen Jahres haben Sie beim 2:0-Sieg in Frankreich Ihr Debüt für die DFB-Elf gegeben. Wie war das?
Das war komplett surreal. In den zehn Minuten, die ich gegen Frankreich spielen durfte, war ich innerlich nur am Lachen. Ich habe versucht, den Moment zu genießen. Von Meppen bis in die Nationalelf – mehr geht doch nicht! Seit längerer Zeit jetzt ein Teil davon sein zu dürfen ist unbeschreiblich.
Thomas Müller ist aus der Nationalelf zurückgetreten. Sie haben mit seiner Rückennummer 13 in zwei Spielen drei Tore erzielt. Von Spaßvogel zu Spaßvogel. Oder?
Ich verstehe mich super mit Thomas. Er ist ein witziger Typ, auf seine Art. Es ist eine Ehre für mich, die Nummer 13 zu tragen. Trotzdem darf man uns nicht vergleichen: Ich bin erst mit 27 zum Nationalspieler geworden, Thomas macht das gefühlt schon seit 100 Jahren. Er ist eine Legende. Ich habe viel von ihm gelernt, weil unser Spiel ähnlich ist.
Während Müller Pferde liebt, begeistern Sie sich für schnelle, teure Autos. Was haben die Kollegen gedacht, als Sie beim VfB mit einem goldfarbenen Mercedes-Maybach vorgefahren sind?
Die dachten, ich bin verrückt (lacht). Ich hatte davor die C-Klasse von meinem Vater, die war auch schon in Gold. Ich mag die Farbe einfach. Als ich bei Mercedes wegen des Maybachs angefragt habe, war ich anscheinend der Erste, der auf die Idee kam. Am Ende habe ich es einfach gemacht. Und innerhalb von zwei Wochen wusste ganz Stuttgart, wem das Auto gehört.

Stuttgarts Stürmer Deniz Undav (28) fährt im goldenen Mercedes Maybach vom VfB-Trainingsgelände. Heute fährt der DFB-Star eine G-Klasse.
Die Fans in Stuttgart sind positiv verrückt, zum Trainingsauftakt im neuen Jahr kamen weit über 1000 Anhänger. Wie nehmen Sie die Begeisterung wahr?
Unsere Fans stehen teilweise bei Regen und Minusgraden mit ihren Kindern am Platz, trotz der Kälte. Das zeigt, wie sie den Verein lieben. Die Unterstützung ist der Wahnsinn. Das hat der Trainer auch im Kreis zu uns allen gesagt. Wir hoffen, dass das so für immer bleibt.
Mit fast 30 Millionen Euro Ablöse an Brighton & Hove Albion hat Sie der VfB im Sommer zum Rekordneuzugang gemacht. Was denken Sie bei der Summe?[–>
Ich denke mir bis heute: Wie kann man so viel Geld für mich zahlen, ich bin doch nur der Deniz! Dass mich der VfB zum Rekordtransfer gemacht hat, ist ein tolles Gefühl. 30 Millionen Euro sind für den Verein eine Menge Geld. Trotzdem lasse ich mich von der Summe nicht unter Druck setzen, bleibe der entspannte Typ.
Sie sind DFB-Star, Publikumsliebling und werden als König von Bad Cannstatt gefeiert. Wie schafft man es bei dem Hype, normal zu bleiben?
Das werde ich oft gefragt. Man hört viel davon, wie die Leute sich verändern, wenn sie plötzlich berühmt sind oder ihr Name in der Zeitung steht. Ich bin geraderaus, behandle jeden Menschen gleich. Egal, ob du Millionen auf dem Konto hast oder fast nix. Ich bin immer ehrlich und verstelle mich nicht. Damit können sich die Menschen identifizieren.
Authentisch, ehrlich, beliebt. So kurz vor den Bundestagswahlen Ende Februar: Wären Sie auch ein guter Politiker?
Nein, ich denke nicht. Als Politiker musst du dich um das ganze Land kümmern, das wäre zu viel Verantwortung für mich. Ich würde eher einen guten Schauspieler abgeben. Aber natürlich nicht auf dem Platz …
Kein Schauspiel sind Ihre Auftritte bei Social Media. Auf Instagram haben Sie in wenigen Monaten fast 260 000 Follower gesammelt. Wie wollen Sie das nutzen?
Ich will den Leuten, die nicht zum Training oder zu den Spielen kommen können, Einblicke in meinen Alltag geben. Die Followerzahl interessiert mich nicht wirklich. Aber es ist schon krass, dass ich in so kurzer Zeit so viele Fans dazugewonnen habe.
Zuletzt haben Sie mit dem Kältebus vom Roten Kreuz Essen und Trinken an Bedürftige in Stuttgart verteilt. Wie kam es zu der Aktion?
Im letzten Jahr habe ich der Tafel Geld gespendet. Jetzt wollte ich nicht noch mal das Gleiche machen. Also haben meine Berater Kontakt zum Roten Kreuz hergestellt und gesagt, dass ich dort gerne helfen würde. So ist die Aktion entstanden. Es ist beeindruckend zu sehen, was die Menschen im Ehrenamt leisten. Davor ziehe ich meinen Hut.
Wie war der Kontakt mit den Menschen auf der Straße?
Es ist krass, diese Schicksale mitzubekommen. Du triffst Leute, denen du auf den ersten Blick nicht ansiehst, dass sie auf der Straße leben. Andere haben schon zwei Flaschen Alkohol runtergekippt und können kaum sprechen. Es gibt viele Menschen, die Probleme haben. Ob selbstverschuldet oder wegen eines Schicksalsschlags, das ist am Ende egal. Diesen Menschen muss man helfen. Dabei kommt es nicht auf den Betrag an, weil am Ende die Geste zählt.
Die Aktion zeigt, wie sehr Sie sich als Norddeutscher mittlerweile mit Stuttgart und der Region identifizieren. Wie wohl fühlen Sie sich im Schwabenländle?
Unfassbar. Ich kann mir gut vorstellen, auch nach meiner Karriere hier zu leben. So weit sind meine Frau und ich schon. Man fühlt sich wohl, viele kennen einen. Ich kann später jedes Wochenende ins Stadion kommen, und die Leute kennen mich immer noch. Stuttgart ist für mich schnell zur Heimat geworden.
Also sind Linsen, Spätzle und Saitenwürstle mittlerweile ihr Leibgericht – neben Döner?
Schwäbisches Essen kommt bei uns selten auf den Tisch. Höchstens gibt es mal Maultaschen.
Ihr Vertrag beim VfB läuft noch bis 2027. Könnten Sie sich vorstellen, Ihre aktive Karriere hier zu beenden?
Ja, klar. Ob das klappt, weiß man am Ende nie. Es gibt im Fußball viele Dinge, die man nicht beeinflussen kann. Vielleicht kommt irgendwann ein Trainer, der mich nicht will. Ich bin glücklich beim VfB und beschäftige mich mit nichts anderem, da müssen sich die Fans keine Sorgen machen.
Welche Schlagzeile würden Sie 2025 gerne über sich lesen?
„Deniz Undav schießt Stuttgart zum Pokalsieg!“ Das hört sich doch gut an (lacht).


