SPORT BILD: Herr Stiller, 2024 sah im Schnelldurchlauf für Sie so aus: im Mai Vizemeister mit dem VfB Stuttgart vor Bayern, im September Länderspiel-Premiere und danach Ihr erster Startelf-Einsatz in der Champions League im Bernabéu-Stadion von Real Madrid. Mit welchen drei Worten würden Sie das Jahr beschreiben?

Angelo Stiller (23): Dankbarkeit. Spaß. Erfolgreich. Ich habe viele Momente erlebt, von denen ich seit Kindheitstagen geträumt habe.

Wie dem Anruf des Bundestrainers Julian Nagelsmann …

Ich war morgens gerade im Badezimmer und habe mich fertig gemacht. Als ich aus der Dusche kam, hatte ich einen Anruf des Bundestrainers in Abwesenheit. Ich habe sofort zurückgerufen und mich natürlich extrem gefreut. Direkt danach habe ich meinen Vater angerufen, der mir seit Tag eins meiner Karriere immer zur Seite steht.

Welche Momente bleiben Ihnen noch im Kopf?

Was die Gegenspieler in der Cham­pions League angeht, war der speziellste Moment, als Luka Modric in Madrid eingewechselt wurde. Ich schätze ihn und seine Erfolge sehr. Dazu kommt natürlich das 5:1 gegen Bern mit meinem Tor – der erste Heimsieg des VfB nach 15 Jahren in der Königsklasse. Als der Ball im Tor war, habe ich das zuerst gar nicht realisiert – lief zum Jubeln einfach los (lacht).

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Quelle: @JBrmfc

Modric hat zehn Jahre bei Real mit Toni Kroos zusammengespielt. Nagelsmann traut es Ihnen zu, seine Rolle in der Nationalelf zu übernehmen. Ehre oder Bürde?

Toni Kroos kann keiner ersetzen! Er ist für mich der beste deutsche Spieler aller Zeiten. Wenn mir der Bundestrainer seine Rolle zutraut, freut mich das aber natürlich. Vom Spielstil sind Toni und ich uns ähnlich, und genau wie er versuche ich, dem Spiel mit meinen Stärken einen Stempel aufzudrücken.

Sie sind vor Kurzem in die Agentur von Kroos-Berater Volker Struth gewechselt. Was steckt dahinter?

Volker und sein Projekt haben mich voll überzeugt. Er hat viel vorzuweisen, und ich habe mich auf Anhieb mit ihm gut verstanden. Das war mir sehr wichtig.

Ihr Marktwert hat sich innerhalb eines Jahres von 14 auf 32 Millionen Euro mehr als verdoppelt. Wie gelingt es Ihnen, Ihr Niveau von Saison zu Saison zu steigern?

Das Wichtigste auf meiner Position ist Selbstvertrauen. Wenn ich das nicht vom Trainer, vom Team und von den Fans spüren würde, könnte ich nicht mein zum Teil riskantes Spiel aufziehen. Beim VfB kann ich so sein, wie ich bin. Dadurch entwickle ich mein Spiel weiter.

Sebastian Hoeneß war schon im Nachwuchs des FC Bayern und in Hoffenheim Ihr Trainer. Was macht Ihr Verhältnis so speziell?

Wir sehen den Fußball gleich, wir haben die gleiche Vorstellung davon, wie wir mit und gegen den Ball spielen wollen.

Hoeneß ist genau wie Sie sehr begehrt, sagte zuletzt schon Manchester United und Chelsea ab. Wie wichtig ist es Ihnen, dass er bleibt?

Jeder beim VfB und in der ganzen Stadt wünscht sich, dass er bleibt. Auch ich persönlich hoffe, dass er noch einige Jahre hierbleibt.

Ihr Vertrag beim VfB läuft bis 2027, der FC Barcelona und Hansi Flick haben großes Interesse an Ihnen. Wie denken Sie darüber?

Natürlich bekommt man die Spekulationen um einen Wechsel teilweise mit. Ich werde auch manchmal darauf angesprochen, auch bei uns in der Kabine.

Was antworten Sie dann?

Mich beschäftigt das Thema nicht. Es ist der falsche Moment, sich darüber Gedanken zu machen. Ich bin beim VfB, darauf liegt mein ganzer Fokus.

Die pure Freude! Beim 5:1-Sieg des VfB gegen Bern trifft Angelo Stiller (23/Foto) erstmals in der Königsklasse.

Die pure Freude! Beim 5:1-Sieg des VfB gegen Bern trifft Angelo Stiller (23/Foto) erstmals in der Königsklasse.

Foto: Tom Weller/dpa

Sind Sie noch sauer auf Hansi Flick? Unter ihm als Trainer blieb Ihnen der Durchbruch beim FC Bayern verwehrt …

Nein, das hatte nichts mit ihm zu tun, ich habe ja auch einige Einsätze bekommen, dafür bin ich ihm bis heute dankbar. Hansi Flick war der Trainer, der mir mein Profi-Debüt geschenkt hat. Sauer auf ihn oder den FC Bayern war ich nie, das wäre auch die falsche Einstellung. Dazu mag ich den Verein viel zu sehr.

Ist auch eine Verlängerung beim VfB denkbar – oder ausgeschlossen?

Der Fußball ist extrem schnell­lebig. Da muss man vorsichtig sein, was man sagt. Aber natürlich kann ich mir vorstellen, beim VfB zu bleiben. Ich spüre die Wertschätzung der Fans und von allen im Klub – das ist für mich das Wichtigste. Ich merke jeden Tag, dass sie mich hier gerne spielen sehen. Dafür bin dankbar und genieße die Zeit hier.

Der VfB steht mit sieben Punkten aus sechs Spielen ordentlich in der Champions League da. Wie sehen Sie die Chancen auf die Play-offs?

Wir haben alles in der Hand, müssen aber in Bratislava gewinnen. Dann wissen wir, wie die Ausgangslage vor dem Spiel gegen Paris ist. Wichtig ist, dass wir darüber nicht zu viel nachdenken – sondern einfach machen.

Im Pokal sind Sie Mitfavorit, da u. a. Bayern und Dortmund schon raus sind. Im Viertelfinale geht es zu Hause gegen Augsburg. Wie groß ist der Glaube an Ihren ersten Titel?

Es wäre ein Fehler, so weit zu denken. Es geht nur darum, im Viertelfinale gegen den FC Augsburg unsere bestmögliche Leistung auf den Platz zu bringen und dadurch hoffentlich ins Halbfinale einzuziehen.

Deniz Undav fehlte zuletzt verletzt. Wie viele Tore trauen Sie ihm 2025 zu?

Wenn ich unter zehn sage, ist er sauer (lacht). Deshalb sage ich, dass er in der Liga noch zwölf Tore schießen wird. Deniz gibt uns das gewisse Etwas, die Unberechenbarkeit. Er ist auf seiner Position einzigartig und hilft uns in jeder Situation weiter.

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