„Meine Bayern“ heißt die Kolumne von SPORT BILD-Reporter-Legende Raimund Hinko, die sich mit dem deutschen Rekordmeister befasst. Hinko begleitet den FC Bayern seit Jahrzehnten.

Lieber Stefan Effenberg,

noch nie habe ich stramm gestanden, wenn Du mit belehrenden Worten die Fußball-Welt bekehren wolltest – auch wenn Du verdammt oft recht hattest mit Deiner Meinung. Doch diesmal habe ich mich von meinem Fernseh-Sessel erhoben – obwohl es sauweh tat mit meinem kaputten Kreuz. Wenn ein Stefan Effenberg in einer „Doppelpass“-Sendung gleich viermal das Wort Weltklasse in den Mund nimmt und es auf eine und dieselbe Person bezieht (nein, nicht auf sich …), dann hat das ein besonderes Gewicht.

Stefan, Du bist in der Allianz-Arena neben Bayerns brasilianischem Markenbotschafter Giovane Elber (von 1997 via 2003 92 Tore für den FCB) gestanden. Ja, ihr seid aufgestanden wie Fans, nachdem Harry Kane ein scheinbar belangloses 5:0 gegen den HSV geschossen hatte. Ihr wart sichtlich beweg, Ihr habt Beifall geklatscht.

Du hast das Wort Weltklasse mit den vier Rollen begründet, in die Harry Kane auf dem Weg zum Tor geschlüpft war: Den Ball erkämpfte er sich an der Mittellinie als 6er, spielte ihn nach halblinks auf Luis Diaz. Rannte dann nach vorne wie ein 8er, um den Ball zurückzufordern und ihn wie ein 10er auf halbrechts in den Lauf von Michael Olise zu legen, neben dem er sich auffallend wohlfühlt. Rannte wie ein 9er in seine eigentliche Rolle, um den Ball nochmal zu fordern, Olises Pass mit links anzunehmen und mit rechts abzuschließen. Den Oberkörper weit über den Ball gelegt, damit er flach und schnell bleibt. Mit einer Konzentration und Wucht wie vorher bei seinem Elfmeter zum 4.0.

Das sah im Grunde leicht aus und war dennoch, weil eben auch so spielerisch leicht, ein Ding für die Lehrbücher. Da hätten alle ihre Freude dran gehabt. Der alte Sepp Herberger, Ernst Happel, Franz Beckenbauer, der Fußball-Professor Dettmar Cramer, Pep Guardiola, Jupp Heynckes sowieso.

Und ich sah mich wieder in meiner These bestätigt, dass sich Engländer in der Bundesliga verbessern können. Auch in hohem Fußball-Alter. Kane war ja fast 30, als er vor zwei Jahren von Tottenham zu Bayern kam. Owen Hargreaves kam 1997 als 16-Jähriger in die Bayern-Jugend, ehe er Stammspieler der englischen Nationalelf wurde. Jamal Musiala, in England aufgewachsen, kam 2019 auch als 16-Jähriger, entschied sich dann für die deutsche Nationalelf.

Zurück zu Dir, lieber Stefan Effenberg. Es gefällt mir, wie vehement Du den Trainer Vincent Kompany aufforderst, den Jungen wie Lennart Karl (17) eine Chance zu geben. „Und zwar jetzt!“, wie Du betonst. Also so lange Musiala, Alphonso Davies und Hiroki Ito noch in der Reha sind. Immerhin brachte ihn Kompany nach gut einer Stunde wie auch Tom Bischof (20), der kürzlich am Blinddarm operiert worden war. Es wäre sicherlich nützlich, sie auch am Mittwoch gegen Chelsea ins Champions-League-Getümmel zu werfen.

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Quelle: BILD

Besonders gefällt mir an Dir jedoch etwas ganz anderes: Dass Du sehr wohl einzuordnen weißt, was Uli Hoeneß bei Bayern bewirkt. Dass Du bei einem Blick hinter die Kulissen den Zuschauern erklärst, dass es kein Zerwürfnis zwischen Hoeneß und Sportvorstand Max Eberl gibt. Wie wichtig es ist, dass Hoeneß drauf achtet, dass seinem Kind, dem FC Bayern, nichts passiert. Nicht kuschen, nicht weggucken, offen die Meinung sagen, streiten wie die Besenbinder, wie es Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge zum Wohle des FC Bayern pflegten. Wie es auch zu Effenberg passt.

Gut gebrüllt, Tiger Effe. Ich schreibe und sage, dass schon eine kleine Ewigkeit. Insbesondere zuletzt.

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