Stefan Effenberg (57): Es war wie eine Erlösung. In den Jahren zuvor waren wir nah dran, standen 1999 im Finale und haben knapp verloren. 2001 hatten wir hervorragende Charaktere innerhalb der Mannschaft. Es war ein harter und langer Weg, aber wir haben den Pott damals nach einem Vierteljahrhundert zurück nach München geholt. Die Champions League zu gewinnen ist das Größte, was du erreichen kannst.
Hatten Sie Gänsehaut, als Sie die Trophäe in die Luft reckten?
Eigentlich nicht. Wenn du den Pokal bekommst, verspürst du natürlich ein Glücksgefühl. Das Schönste war aber die Rückkehr nach München. Ich erinnere mich gerne an die Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt zurück und daran, wie wir den Fans die Trophäe präsentiert haben.
Was war damals der Schlüssel zum Triumph?
Wir hatten die Qualität im Kader, nach Rückschlägen wieder aufzustehen. Manche würden nach einer Endspiel-Niederlage wie 1999 (1:2 gegen Manchester United in der Nachspielzeit; d. Red.) zusammensacken und liegen bleiben. Unser Anspruch war es aber, die Champions League zu gewinnen. Das war intern auch klar angesagt. Und wir hatten die Charaktere im Team, die gesagt haben: „Wir probieren es wieder.“ Das war ausschlaggebend. Kahn, Elber, Lizarazu. Scholl auch! Und Brazzo (Hasan Salihamidzic). Oder Jancker, Tarnat, Zickler, die sich hintangestellt haben, aber voll da waren, wenn sie gebraucht wurden. Aber ich will gar keine einzelnen Spieler herausstellen, das wäre unfair. Es war die Mannschaft, der Zusammenhalt und der Wille, das gemeinsame Ziel zu erreichen.
Hat die aktuelle Mannschaft des FC Bayern das Zeug dazu, den Henkelpott zu holen?
Wenn die Mannschaft an ihre Leistungsgrenze geht, auf jeden Fall. Jedes Top-Team in Europa wird auch dieses Jahr großen Respekt vor Bayern München haben. Das haben sie sich erarbeitet. Die Frage wird aber auch sein: Wie ist der Kader im März oder April aufgestellt? Da hatten die Bayern in der vergangenen Saison einige Verletzungsprobleme. Generell muss der Anspruch des FC Bayern höher sein als das Viertelfinale.
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Kann Jamal Musiala nach seinem Wadenbeinbruch in dieser Saison noch ein entscheidender Faktor für den Champions-League-Sieg werden?
Ja, da bin ich mir sicher. Jamal hat eine gewisse Leichtigkeit in seinem Spiel. Wenn er die Verletzung aus seinem Kopf bekommt, wird er auf Anhieb wieder den Unterschied ausmachen können. Wichtig ist, dass Jamal nach seiner Rückkehr ohne Angst spielt.
Stichwort Talente: Deutsche Top-Juwele – wie jetzt Florian Wirtz zu Liverpool und Nick Woltemade zu Newcastle oder 2020 Kai Havertz zu Chelsea und 2023 zu Arsenal – wechseln lieber nach England als zu Bayern. Warum?
Ganz einfach: Geld. Wir haben in der Bundesliga nicht die Möglichkeiten, die die Premier League hat. Da bekommt ein Aufsteiger mehr TV-Einnahmen als ein Topklub in Deutschland. Logisch, dass dir solche Ligen mehr und mehr enteilen. Geld allein garantiert dir den Erfolg zwar nicht. Aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit darauf enorm. Deswegen ist der saudi-arabische Markt, über den viele schimpfen, für die Bundesliga gar nicht so schlecht. Er bringt auch deutschen Vereinen viel Geld. Davon kann die Bundesliga profitieren.

Stefan Effenberg im Gespräch mit den SPORT BILD-Reportern Julian Agardi und Jörg Althoff (r.)
Wird sich Florian Wirtz beim FC Liverpool durchsetzen?
Davon gehe ich aus. Er hat eine extrem hohe Spielintelligenz, agiert nach wie vor sehr unbekümmert. Florian ist ein Unterschiedsspieler.
Und Nick Woltemade?
Aufgrund seines Potenzials gehe ich auch davon aus, dass er sich durchsetzt. Newcastle hat so viel in ihn investiert, er wird dort das Vertrauen bekommen – was wichtig ist. Und dann muss er liefern.
Droht der Bundesliga, international an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren?
Das glaube ich nicht, wir sind auf einem guten Niveau. Wer hätte erwartet, dass Eintracht Frankfurt die Europa League gewinnt? Als ich gesehen habe, wie sie da durchmarschiert sind, wurde ich Frankfurt-Fan (lacht). Wir Deutschen sind immer in der Lage, etwas zu reißen. Wer hätte letztes Jahr gedacht, dass Dortmund im Finale gegen Real Madrid steht und sogar das bessere Team ist? Leider haben sie verloren.
Müssen sich die Bayern künftig noch mehr auf den eigenen Nachwuchs fokussieren, um international konkurrenzfähig zu bleiben? Mit dem 17-jährigen Lennart Karl haben sie aktuell ein sehr vielversprechendes Talent in den Reihen.
Du musst die Jungen loslassen. Und zwar jetzt! Von heute an bis in den Dezember hinein. Genau jetzt brauchen sie Spielzeit. Wenn es in die heiße Phase der Saison geht, weiß ich nicht, ob der Verein den Mut hat, sie einfach mal zu bringen. Deswegen hoffe ich, dass sie jetzt zu Beginn der Saison Einsätze bekommen. Und in diesen müssen sie sich bis zur Winterpause beweisen. Dann wird ein Fazit gezogen, und wenn sie performt haben, kannst du sie auch im Frühjahr in der Liga, dem DFB-Pokal und auch in der Champions League einsetzen.

Lennart Karl (17) – bekommt beim FCB regelmäßig Einsatzzeiten, durfte auch bei der Klub-WM ran
2001 spielte beim Triumph im Finale gegen Valencia neben Ihnen im Mittelfeld der erst 20-jährige Owen Hargreaves.
Ja, und er hat das überragend gemacht. Trainer Ottmar Hitzfeld hatte das mit mir besprochen, da habe ich auch erst mal geguckt. Aber Jens Jeremies war ja verletzt. Und Hargreaves hat dann bewiesen, dass Qualität nicht unbedingt eine Frage des Alters ist.
Ein erfahrener Profi, der trotz vieler Widerstände immer noch beim FC Bayern spielt, ist Leon Goretzka. Die Münchner wären ihn 2023 und 2024 gerne losgeworden, jetzt hat er seinen Stammplatz im Mittelfeld zurück. Ist Goretzka das Vorbild schlechthin, nicht nur für Talente?
Er ist ein sehr gutes Beispiel für einen starken und korrekten Charakter. Dass er immer hart dafür gearbeitet hat, wieder eine wichtige Rolle bei Bayern zu spielen, ehrt ihn. Jetzt wird er dafür belohnt. Es war eine kleine Fehleinschätzung zu sagen: „Wir wollen ihn loswerden. Egal, zu welchem Preis“. Spannend wird es im Februar oder März, sein Vertrag läuft ja aus. Falls er sich gegen eine Verlängerung entscheiden sollte, kann man ihm keinen Vorwurf machen. Leon ist ein korrekter Profi.

Leon Goretzka – sollte bereits abgeschoben werden, kämpfte sich zurück. Effenberg lobt seinen Charakter
Wer ist Ihr Top-Favorit auf den Champions-League-Titel?
Paris oder Liverpool. Danach kommen Vereine wie der FC Barcelona, Real Madrid, Manchester City oder Klub-Weltmeister Chelsea. Und zu dem Kreis gehört Bayern auch. Mich würde wundern, wenn bei Bayern intern nicht klar kommuniziert wäre: „Wir wollen ins Finale der Champions League“.
Glauben Sie, dass ein deutscher Nationalspieler im Frühjahr 2026 den Henkelpott gewinnt?
Warum nicht? Es gibt ja einige bei den Favoriten. Ob das jetzt Antonio Rüdiger bei Real Madrid ist, Florian Wirtz in Liverpool oder Kai Havertz beim FC Arsenal, der sich allerdings jetzt leider verletzt hat. Ich glaube, dass ein deutscher Nationalspieler als Champions-League-Sieger zur WM fahren wird – vielleicht auch der eine oder andere, der bei einem deutschen Klub spielt.

