„Meine Bayern“ heißt die Kolumne von SPORT BILD-Reporter-Legende Raimund Hinko, die sich mit dem deutschen Rekordmeister befasst. Hinko begleitet den FC Bayern seit Jahrzehnten.

Lieber Vincent Kompany,

scheinbar hast Du schnell kapiert, dass es ein Spieler, Trainer, Manager, Vorstand, Aufsichtsrat, Präsident des FC Bayern von der ersten Minute seines Lebens an mit der Muttermilch verabreicht bekommt, dass er so ziemlich alles im Leben darf – nur nicht verlieren.

Und Du hast auch schnell kapiert, dass es ohne ein bisschen Show nicht geht. Als Du mit der Mannschaft nach dem Gewinn des Supercups in Stuttgart einen Kreis gebildet, eine Flasche entkorkt und das neue Maskottchen, einen Kakadu hast hochleben lassen, erinnerte das schwer an Louis van Gaal, als der Holländer am Muttertag 2010 auf den Rathausbalkon kletterte und allen „Muttis“ zurief: „Ein dicker Kuss vom Trainer des Meisters.“

Nicht die Spieler waren es, sondern Du, der zuletzt bei der Meisterfeier bei Feinkost Käfer dieses Dekor-Stück an sich gerissen und an die Stelle gestellt hast, wo die Meisterschale stand. Woraufhin Michael Käfer, der Wirt, Dir das gute Stück geschenkt hat und es Karriere machte, was man auch von deinen jungen Spielern erwartet, von Lennart Karl (17) und von Jonah Kusi-Asare (18). Der Kakadu steht übrigens für persönliche Stärke, Weisheit, Intelligenz, Anpassungsfähigkeit, klare Ausdrucksweise. Passt also ganz gut zu Dir.

Bayern-Trainer Vincent Kompany (39)

Foto: Heiko Becker/REUTERS

Du hast den Spielern erklärt, dass die Meisterschaft nichts zählt, wenn nicht weitere Titel folgen. Also wieder die Meisterschaft, dazu der Pokalsieg, die Champions League usw. Das ist die Wahrheit hinter deinem banalen Satz, dass jeder Titel der Erste ist. Erinnert stark an Oliver Kahn. „Wir sind ja sooo gefräßig“, hat der Torwart-Titan auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn gerufen, bis er 2001 den Henkelpott in Richtung Himmel stemmte. Bis er 2002 zum besten WM-Spieler gekürt wurde. Du, lieber Vincent Kompany hast es als verlängerter Arm von Pep Guardiola vorgemacht, also Du mit Man City nach der Meisterschaft von 2012 auch die von 2014, 2018 und 2019 folgen ließt.

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Quelle: Reuters

Doch das wars noch nicht. Zunächst musst Du auch diesen Satz noch lernen, der zur DNA des FC Bayern gehört. „Das wars noch nicht!“ Der Satz, der Berühmtheit erlangte, als Uli Hoeneß wg. Steuerhinterziehung ins Gefängnis musste. Ja, der Uli, der Vereinspatron, der Vater des FC Bayern, der Max Eberl bei deiner Vorstellung unter dem Tisch ans Schienbein trat. Als Zeichen, dass Du der Richtige bist als Nachfolger von Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann, dass Du die Spieler und den Verein in den Griff bekommen würdest, dass die Spieler auf dich hören würden, vielleicht sogar lieben.

Doch jetzt geht es zunächst immer noch um einen, der gerne auf dich hören würde, wenn er denn dürfte – um Stuttgarts Fast-Zwei-Meter-Mann Nick Woltemade, dem sie beim VfB den Wechsel nach München verbieten, obwohl sie seinen Wunsch kennen, dass er immer noch nach München will.

Die Bayern dürfen nicht aufgeben, auch wenn die Ablösesumme weh tut. „Das war’s noch nicht“, müssen Max Eberl, Vorstandsboss Jan-Christian Dreesen, muss der ganze FC Bayern nach der Verkaufssperre des VfB sagen.

Woltemade ist ein kluges Bürschchen. Die Worte von Bundestrainer Nagelsmann, dass er am liebsten Spieler beruft, die einen Stammplatz im Verein haben, legt er nicht so aus, dass der bequeme Weg beim VfB Stuttgart mit einer Stammplatz-Garantie der sicherste zur WM ist. Er will kämpfen, sich gegen starke Konkurrenz durchsetzen. Wenn nicht bei Bayern, dann im Ausland. Es wäre fatal, wenn die Bundesliga nach Florian Wirtz, Kai Havertz und Niclas Fülllkug auch noch ihn verliert. Darum müssen die Bayern jetzt kämpfen.

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