Der 6. März ist bis heute ein wichtiges Datum für den Leistungssport. Nicht nur, weil der österreichischen Skispringer-Legende Toni Innauer (67) an einem 6. März historisches gelang. Innauer flog 1976 an jenem Tag im März auf der Heini-Klopfer-Skiflugchance in Oberstdorf (Allgäu) die heutzutage eher lapidare Weite von 168 Metern, das wiederum aber stilistisch so schön, dass alle Wertungsrichter einheitlich die Bestwertung von 20 Punkten dafür zückten. Innauer war der erste Weitenjäger auf langen Brettern, dem das gelang.
Ebenfalls am 6. März vor jetzt genau 50 Jahren, fast zwei Jahre nach dem legendären 0:1 der Bundesrepublik gegen die DDR bei der Fußball-WM 1974, ereignete sich im damaligen Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) ein Drama, dessen Bilder das deutsch-deutsche Gegeneinander im Sport über Jahre hinweg prägten. Den Anfang nahm das politisch-brisante Sport-Duell aber bereits am 13. April 1975 in Dortmund, „Schuld“ war die Internationale Handballföderation (IHF) mit ihrer Auslosung der Qualifikationsgruppen für die Olympischen Sommerspiele 1976 in Montreal (Kanada).
Als ein Knie deutsch-deutsche Handball-Geschichte schrieb
Sieben Dreier-Gruppen wurden ausgelost, Gruppe 5 sollte es in sich haben. Nicht wegen Belgien, das damals als zweitklassige Handball-Nation galt. Sondern wegen der DDR und ihrem Klassenfeind, der Bundesrepublik Deutschland. Als klarer Favorit für das Ticket nach Montreal galt die DDR, der damalige Vizeweltmeister. Deutschland-West und sein Trainer-Magier Vlado Stenzel waren nur der (unterschätzte) Außenseiter im Duell.
Am 20. Dezember 1975 stieg vor 10.500 Zuschauern das Hinspiel in der Münchner Olympiahalle. Stenzel packte schon vorher alle Tricks aus. Stenzel ließ einen damals völlig unüblichen Boden aus grünem Nadelfilz verlegen. Hans Engel, der Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee (NVA) vom ASK Frankfurt/Oder, der später eine der Hauptrollen im Drama spielen sollte, erinnerte sich in der Dokumentation „Kalter Krieg“ des NDR: „Im Trainings-Camp haben wir alle neue Schuhe bekommen. Uns wurde gesagt, das sind Schuhe speziell für diesen Belag. Man hat sich mit diesem Teppich einen Vorteil verschafft.“ Die Schuhe hatten übrigens drei Streifen und kam aus Herzogenaurach (Mittelfranken).
Deutschland-West gewann 17:14 (9:6), Joachim „Joe“ Deckarm warf neun Tore, Deutschland-Ost hatte den Druck. Im Rückspiel auf Parkett-Boden musste ein Sieg mit vier Toren Unterschied her, sonst hätte es Olympia in Montreal nur am Fernseher gegeben. Und Stenzel packte den nächsten Psycho-Trick aus. Vor einem Testspiel in Dietzenbach (Hessen) forderte er das Publikum auf, seine Mannschaft konsequent auszupfeifen. Stenzel in der NDR-Doku: „Die 3000 Menschen haben das so toll gemacht. Das war ein Publikum fast wie in der DDR. Den Schiedsrichtern habe ich gesagt, sie müssen gegen uns pfeifen. Das war abgemacht, aber das wussten meine Spieler nicht.“ Stenzel achtete vorm Rückspiel auf alles: „Wir mussten aufpassen, dass wir dort im Hotel zum Beispiel Schlafmittel in die Suppe kriegen. Wir haben Lunch-Pakete mitgenommen. Ein bisschen Schlafmittel – und dann bist Du weg vom Fenster.“
Weg vom Fenster war nach dem Rückspiel die DDR. Wegen Manfred Hofmann vom TV Großwallstadt. Zur Pause führten die Gastgeber 7:4, kurz vor dem Ende lag die DDR 11:8 vorne. Letzter Angriff, Siebenmeter für die Hausherren, es war der letzte Wurf der Partie. Engel, der zuvor jeden Strafwurf sicher verwandelte, trat gegen Hofmann an, weil der seine Auswechslung verweigerte. Stenzel: „Ich wollte wechseln, weil Rudi Rauer mein Spezialist für Siebenmeter war. Aber Hofmann wollte nicht raus.“ Engel täuschte erst einen Wurf ins aus seiner Sicht linke Eck an, Hofmann zuckte in die richtige Richtung. Engel entschied sich halbhoch für das rechte Eck und traf das linke Knie von Hofmann. Engel: „Das war ein sehr, sehr harter Schlag für uns. Nicht nur für mich persönlich, sondern für die gesamte Mannschaft.“ Der Magdeburger Wieland Schmidt, damals Keeper der DDR: „Wir wurden zusammengefaltet, die Bundesrepublik hat in Ruhe ein Bier getrunken.“ Bei den Olympischen Spielen 1976 belegte die Bundesrepublik am Ende Rang 4, die Medaillen gingen an die Sowjetunion, Rumänien und Polen.

